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Artikel Wissen & Weisheit

„Das in Worte gefasste Tao ist nicht das wahre Tao“

Das Tao Te King ist wahrscheinlich der am meisten übersetzte und interpretierte Text der Welt. Das ist insofern keine Überraschung, da die Möglichkeit der unterschiedlichen Interpretationen – durch die spezielle Struktur der chinesischen Sprache – in gewisser Weise schon vorgegeben ist.

„Das in Worte gefasste Tao ist nicht das wahre Tao.“ So beginnt das Tao Te King und etwas später, in Vers 14 heißt es:„Du kannst das Tao nicht kennen, aber es sein.“ Dennoch:„ Jedes Kind bekommt einen Namen, um über es zu sprechen.“ Und so wie jede Mutter und jeder Vater weiß, dass der Name nicht das Kind ist, denn das ist lebendig, unberechenbar und verändert sich ständig, so ist das hier vorliegende Tao Te King nicht das Tao.

Während der Arbeit am Tao wurde uns immer wieder deutlich, dass das, was da eigentlich mitgeteilt werden möchte, nicht über den Verstand vermittelt werden kann.

Weshalb das ganze Tao Te King konsequenterweise nur aus dem ersten Satz bestehen dürfte – oder noch radikaler: aus leeren Seiten!

Immer wieder führt uns der Verstand in die Bewertung, in die Unterscheidung, will uns sagen was richtig, falsch oder besser ist.

Laotses Texte sind oft paradox, dem Leben näher als der Logik oder der Vernunft:„Schau und es ist nicht zu sehen – Horch und es ist nicht zu hören“. Diese Worte wollen uns nicht sagen, wo es langgeht oder wie wir leben sollen, sondern wollen eher wachrütteln und provozieren: „Gib das Lernen auf und deine Sorgen haben ein Ende!“

Ein Auszug aus der neuen Übersetzung:

14

schau

es ist nicht zu sehen

horch

es ist nicht zu hören

greif

es ist nicht zu fassen

oben nicht hell

unten nicht dunkel

form die alle formen in sich einschließt

ein bildloses bild

ich gehe tao entgegen

sehe nicht seinen anfang

folge tao nach

sehe nicht sein ende

unergründlich

unvorstellbar

jenseits aller fantasie

tao endet niemals

kehrt ins nicht zurück

ich kann tao nicht kennen

nur sein

15

ich bin feinfühlig

geheimnisvoll

scharfsinnig

zu tiefgründig um verstanden zu werden

nur mein verhalten lässt sich beschreiben

zögernd

vorsichtig

wie jemand der über einen gefrorenen bach geht

wachsam

immer bereit

wie ein tiger der den dschungel durchquert

zurückhaltend

wie ein gast

nachgiebig

wie blätter im wind

pur

wie unbehauenes holz

weit und tief

wie ein tal

klar und rein

wie wasser

wer sonst kann warten

regungslos verharren

bis der schlamm sich setzt

das wasser klar ist

die handlung sich von selbst ergibt

ich strebe nicht nach erfüllung

begehre nichts

neues kann mich nicht blenden

bin immer bereit

alles willkommen zu heißen

Ingrid
Stephan

Ingrid und Stephan sind die Gründer der MitWohnGemeinschaft ‚Krisenfreunde‘ in der Lüneburger Heide, einer SeinLebensSchule für Menschen in transpersonalen Prozessen. Sie waren Sannyasins von Osho und lernten mit Thomas Hübl.

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