LOADING

Type to search

Artikel Lebensfragen

Unerfüllter Kinderwunsch – wenn sich alles um den Eisprung dreht

Vielleicht kennst du die Situation selbst oder von einer Freundin: Der Wunsch nach einem eigenen Baby dominiert dein Leben und du schaffst es nicht, deine Ängste und Sorgen in den Griff zu bekommen.

Wenn der Wunsch nach einem Baby zur Belastung wird, ist es höchste Zeit, sich mit jemanden auszutauschen oder anderweitige Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich kann mich noch sehr gut an meine eigenen Erfahrungen erinnern. Mein Mann und ich waren fast zehn Jahre lang intensiv mit dem Kinderwunschthema beschäftigt. Bei uns hat es am Ende – dank Reproduktionsmedizin – mit einem eigenen Kind geklappt. Darüber bin ich auch heute noch sehr dankbar. Dennoch war es sehr schwer, uns von dem Wunsch nach einem zweiten Kind zu verabschieden.

Stress lass nach: Gar nicht so einfach, sich einfach mal zu entspannen

Viele Freunde und einige Ärzte gaben uns den Tipp, dass wir uns einfach mal entspannen sollten. Aber wie macht man das, wenn das Angstkarussel mit allen Nöten und Sorgen sich permanent dreht? Während unsere Freunde schick Essen gingen, durch die Welt reisten und das Leben genossen, klammerten wir uns – von Monat zu Monat, von Behandlungsversuch zu Behandlungsversuch – an jeden Strohhalm… in der Hoffnung, es würde mit einem zweiten Kind vielleicht doch noch klappen.

Kaum jemand versteht die emotionalen Belastungen, denen man als Paar ausgesetzt ist, wenn es mit dem Wunschbaby einfach nicht klappen will. Dafür wird in Deutschland das Thema auch zu sehr tabuisiert. Erst heute merke ich, wenn ich offen über unsere Erfahrungen mit dem Thema Kinderwunsch spreche, wie viele Menschen tatsächlich ihre Probleme damit haben. In Einzelgesprächen offenbart mir fast jeder, dass er/sie selbst betroffen sind/waren, oder jemanden kennen, wo es einfach nicht klappen will.

Von einem unerfüllten Kinderwunsch spricht man, wenn es nach 12 Monaten ungeschütztem Geschlechtsverkehr nicht zu einer Schwangerschaft gekommen ist

Was aber sollte man machen, wenn es auch nach mehreren Monaten einfach nicht klappen will? Dann sollte Frau als erstes mit dem Frauenarzt sprechen. Dabei ist es hilfreich, wenn bereits Dokumentationen wie Zyklusaufzeichnungen und/oder Temperaturkurven zum Gespräch mitgebracht werden. Beim Frauenarzt finden zuerst Blutuntersuchungen, Zyklusmonitoring oder ggf. Hormontherapie sowie Beratungen mit dem Paar statt, um zu klären, ob und wann ein Kinderwunschzentrum aufgesucht werden sollte. Im Kinderwunschzentrum wird zunächst mit den Basisuntersuchungen begonnen: das sind Ultraschalluntersuchungen und Hormonuntersuchungen mittels Bluttests, ähnlich wie beim Frauenarzt. Je nach Befund kann es dann ratsam sein, eine Bauchspiegelung durchführen zu lassen. Die Bauchspiegelung ermöglicht die Beurteilung der Eileiter, der Gebärmutter, Eierstöcke und des gesamten übrigen Bauchraumes. Hiermit können Verwachsungen, Myome, Endometriose und andere Veränderungen erkannt werden.

Parallel dazu sollte sich natürlich auch der Mann untersuchen lassen und klären, ob es bei ihm Gründe für den unerfüllten Kinderwunsch gibt. In den meisten Fällen ist ein Spermiogramm hier sehr aussagekräftig und bringt schnell Licht ins Dunkel.

Welche Alternativen gibt es? Gerne auch Statistiken von Adoptionen. Gibt es eigentlich genug Kinder in Deutschland zum Adoptieren? Oder warum gehen Paare ins Ausland? Thema Leihmütter… – ergänzt

Wie weit will ich gehen?

Wann ist es soweit, dass ein Paar sich von dem Wunsch nach einem eigenen Kind verabschieden muss? Wie weit will ich gehen für meinen Kinderwunsch? Würde ich auch ins Ausland gehen? In den europäischen Nachbarländern wie Österreich, Tschechien, Dänemark und Spanien wird vom medizinischen Gesichtspunkt anders behandelt. So werden dort Medikamente anders dosiert und die Eizellen länger außerhalb des Körpers der Frau gelassen, um Eizellen auszuwählen, die die beste Qualität haben. Dann gibt es auch noch die Eizellspende (in Deutschland nicht erlaubt), bei der eine Eizelle einer oftmals jüngeren Frau befruchtet und transferiert wird.

Auch Adoption in Deutschland oder im Ausland sind Möglichkeiten. Krux an der Sache ist nur, dass die adoptionswilligen Eltern meistens ja  schon älter sind, weil sie bereits einen langen Leidensweg in punkto Kinderwunsch mit leiblichen Kindern hintern sich haben. Und je älter das Paar ist, desto geringer ist ihre Chance, ein Kind zu adoptieren. Die Altersdifferenz zwischen Adoptivkind und Eltern sollte nicht mehr als 40 Jahre betragen. In Deutschland kommen auf ein Adoptionskind ungefähr sieben Bewerber und je jünger das Paar, desto besser sind ihre  Chancen. Also doch wieder zwischen 2.500€ bis 5.000€ selbst zahlen, um es noch ein letztes Mal in der deutschen Kinderwunschklinik zu probieren?

Und wie gehe ich in dieser ganzen Zeit mit meinen eigenen Gefühlen um, wenn alle um mich herum Kinder bekommen, nur ich nicht? Das alles sind Fragen, die immer im Raum stehen und gesehen / gespürt / gelöst werden wollen.

Medizinisch wurde ich in all den Jahren exzellent versorgt, aber mit meinen Ängsten und Emotionen war ich mutterseelenallein

Unsere Geschichte begann wie bei vielen Paaren. Wir stellten die Verhütung ein und ließen der Natur ihren freien Lauf. Da ich meinen Zyklus nicht beobachtete, fiel uns zunächst nicht auf, dass ich nicht schwanger wurde. Nach einem Jahr bekam ich plötzlich Schmerzen und dachte zunächst, dass sich meine Blutung ankündigte. Schon bald wurden die Schmerzen immer schlimmer und da es am Wochenende war, fuhr ich in eine Klinik. Dort diagnostizierte der Arzt nach Stunden des Wartens eine Eilleiterschwangerschaft, die operativ entfernt wurde. Ein absoluter Schock für uns.

Damit begann aus heutiger Sicht unsere Kinderwunsch-Reise. Ab dem Zeitpunkt wurde der Zyklus getrackt, es passierte weiterhin nichts. Nach acht Monaten riet uns dann meine Ärztin, eine Bauchspiegelung machen zu lassen. Das Ergebnis der Bauchspiegelung zog mir den Boden unter Füßen weg: Ich war unfruchtbar aufgrund verschlossener Eilleiter.

Der Arzt war sehr nett und sagte, „Für Frauen wie Sie wurde Anfang der 1970er Jahre die künstliche Befruchtung geschaffen“. Er machte uns sehr viel Hoffnung, dass auch wir auf diesem Weg bald Eltern werden könnten. Und er sollte recht behalten. Wir entschieden uns nach ca. drei Monaten für eine Kinderwunschklinik in Norddeutschland. Schon im ersten Versuch wurde ich mit unserem Sohn schwanger. Weitere Versuche für ein zweites Kind ein paar Jahre später endeten entweder in einer Fehlgeburt oder nisteten sich gar nicht ein. Diese Jahre mit massivem Kinderwunsch waren für mich sehr stressig und belastend. Und wenn ich heute zurückblicke, wundere ich mich manchmal selbst, wie ich und auch wir als Paar das alles hinbekommen und auch durchgehalten haben.

Mein Mann stand mir so gut es ging bei allen Untersuchungen zur Seite, nur musste ich auch erkennen, dass Männer mit solchen Krisen im Leben einfach anders umgehen. Das ist einfach so und sicherlich nicht böse gemeint. Aber mein Mann war sehr schnell an dem Punkt, dass er auch mit mir alleine sehr glücklich sein wollte und konnte. Es fiel ihm sehr schwer zu sehen, welche Untersuchungen und Medikamente ich über mich ergehen lassen musste, um den Traum vom Kind zu realisieren. Als Mann sagte er einmal, „Man steht fast hilflos daneben. Ich bin zwar bei allem dabei und kann mir vieles vorstellen, aber letztlich passiert es nicht in mir, sondern mit und in dem Körper meiner Frau.“

Die Ursachen von ungewollter Kinderlosigkeit sind leider sehr vielschichtig und von Paar zu Paar unterschiedlich

Ich finde, dass ein jeder spätestens in dieser Situation erkennt, wie komplex der menschliche Körper doch ist. Welchen Einfluss die Psyche bei dem Prozess hat, rückt immer mehr in den Fokus der medizinischen Behandlungen, ist aber leider noch kein Standard in Deutschland. In Ländern wie Kanada, Großbritannien und Australien ist die psychosoziale Beratung bereits fester Bestandteil der modernen Kinderwunschbehandlung.

Nachdem ich selbst so oft alleine mit meinen Gedanken und Gefühlen war und mir gewünscht hatte, jemanden zum Reden zu haben, der in einer ähnlichen Situation wie ich war, habe ich mich entschieden, selbst aktiv zu werden. Heute leite ich einen Frauenkreis unter der Schirmherrschaft von KISS Hamburg. Ich selbst finde den Begriff „Selbsthilfegruppe“ nicht so schön, weil die Frau ja nicht krank ist, wenn sie den natürlichen Wunsch hast, mit ihrem Partner eine Familie zu gründen.

Die Autorin, Denise Meyer, 1976 geboren, lebt in Hamburg und arbeitet als Hypnose Coach und Expertin für Paare mit unerfülltem Kinderwunsch. Im Jahr 2013 brachte Denise dank heutiger Reproduktionsmedizin einen Sohn zur Welt. Neben den Einzelsitzungen leitet sie bei KISS eine Frauengruppe zum Thema Kinderwunsch.

Tags

You Might also Like