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Artikel Lebensfragen

Gedanken einer Sterbeamme: Alles hat ein Ende – nur die Wurscht hat zwei

„Keiner von uns kommt lebend hier raus. Also hört auf, euch als unwichtiges Nebenprodukt anzusehen. Esst leckeres Essen. Spaziert in der Sonne. Springt ins Meer. Sagt die Wahrheit und tragt euer Herz auf der Zunge. Seid albern. Seid freundlich. Seid komisch. Für nichts anderes ist Zeit.“

Anthony Hopkins

Worum geht es?

Muss es wirklich sein, dass wir uns mit dem Tod befassen? Der kommt doch schon früh genug!

Alles Lebendige wird sich eines Tages auf den Weg machen, die Reise ins Ungewisse anzutreten. Unsterblichkeit ist eine Illusion. Die Aussage bleibt solange theoretisch, bis es uns Menschen eines Tages tatsächlich an den Kragen geht. Dann ist das Entsetzen ganz plötzlich groß, jede Hoffnung erstirbt, und wir wissen ganz einfach nicht mehr, was wir sagen, geschweige denn, wie wir handeln können. Panik und wilder Aktionismus lähmen jede Aktivität und die zur Verfügung stehende Zeit wird immer flacher, statt gehaltvoller.

Dann – so heißt es – sollen „die letzten Fragen geklärt“ werden und die „Dinge geregelt“ werden. Was das wohl bedeuten soll? Es könnte tatsächlich sinnvoll sein, diese so genannten „letzten Fragen“ zuerst, nämlich dann wenn die Zeit noch gar nicht drängelt, auf unsere To-Do-Liste zu setzen. Unweigerlich hätte die Beschäftigung mit den Fragen damit Auswirkungen auf unser jetziges Leben. Und es ist ziemlich sicher anzunehmen, dass dies eine gute Möglichkeit ist, das eigene Leben größer, inhaltsreicher, zauberhafter und sinnvoller zu leben. Denn eines sollte uns klar sein: Hier kommt keiner lebend raus.

„Ob ich Sterbende begleiten kann? Das traue ich mir nicht zu.“ , sagt eine Frau zu mir.– „Oh, ich glaube, du hast in deinem ganzen Leben nur mit Sterbenden zu tun. Es gibt keine anderen auf dieser Welt“, antworte ich ihr, „Wir alle sind Zeit unseres Lebens Sterbende auf Abruf.“

Große Rätsel

Seit jeher und in allen Kulturen hat sich die Menschheit „letzte Fragen“ gestellt. Im Hinduismus gibt es drei Gottheiten. Brahma erschafft neues Leben, Vishnu erhält jedes Leben und Shiva zerstört jedes Leben. Ähnliches gibt es in der nordischen Mythologie. Dort sind es die drei Nornen Urd, Verdandi und Skuld. Sie lenken die Geschicke der Menschen und der Götter und weben gemeinsam den Lebensteppich der Menschen. Die eine spinnt den Faden, die zweite teilt ihn zu und die dritte schneidet ihn ab. Ähnlich machen es die Parzen aus der römischen und die Moiren aus der griechischen Mythologie. Wenn der Faden durchtrennt ist, ist das Leben zu Ende. Niemand weiß, wann das geschieht und auf welche Weise.

Geburt und Tod verbinden alles Lebendige und die damit einhergehende Unsicherheit vor der Endlichkeit in unserem Leben. Die Tatsache, dass wir alle eines Tages sterben werden, führt bei vielen Menschen dazu, diesen Ängsten und – meist düsteren – Zukunftsvisionen auszuweichen. Dass der Tod real ist, wollen wir sehr gern verdrängen.

Wahrscheinlich ist es deshalb eine Gnade, dass wir die Tatsache der Endlichkeit lieber nicht täglich an uns heranlassen, sondern so vor uns hinleben, als seien wir unsterblich und nichts könne uns etwas anhaben. Manchmal, besonders nachts, wenn Sorgen den Schlaf rauben, wenn Todesfälle in der Umgebung es unserer Leichtigkeit schwer machen oder ein Mensch ganz einfach älter wird, steht der Sensenmann, der alte Bekannte, im Türrahmen und erinnert uns.

„Wenn ein Sterbender über Leben schreibt“ Spiegelüberschrift vom 7.11.2019

Wenn eines Tages eine lebensbedrohliche Diagnose den bisherigen Alltag zerfetzt, wird plötzlich die Zeit knapp. Das wird ärztlicherseits häufig mit den Worten begleitet: „Machen Sie sich ein paar schöne Tage und regeln Sie Ihre Dinge!“ Nur: Wie sollen das schöne Tage werden? Schöne Tage sind entweder unbeschwert und leicht oder sie sind angefüllt mit tiefer Freude und Intensität. Ja, es ist schon beklemmend und düster, sich der Endlichkeit alles Lebendigen zu stellen. Und mit diesem Hintergrund stellt sich dann am Ende heraus, dass ausschließlich Sterbende über das Leben schreiben können!

Was es zu regeln gibt und letzte Fragen, die beizeiten Antworten brauchen

Jetzt stehen wir vor einem Rätsel: Was sollen die Dinge sein, die geregelt werden sollen? Und welches könnten die letzten Fragen sein? Und vor allem: Wie viel Zeit habe ich denn noch dazu?

Der Tod steht quasi im Türrahmen und spätestens jetzt kommt Hektik und Panik auf. Begleitet wird der Tod übrigens von unangenehmen Kompagnons, den Monstern, deren Namen bekannt sind. Es sind:

  • die Sorge
  • die Furcht
  • die Angst
  • die Panik

Diese Wesen begleiten Betroffene und ihre Zugehörigen stündlich und täglich und sie erzählen Geschichten des großen Leidens und Quälens. Sie malen den kommenden Horror der Zukunft an die Wände.

„Bin ich jetzt auf der Zielgeraden?“, die bange Frage einer Frau, deren Symptome sich verschlechtern.

Das rein Organisatorische

Bei Dingen, die angesichts des Abschieds vom Leben zu regeln sind, wird meist daran gedacht, welche technischen, organisatorischen Aufgaben zur Klärung anstehen. Das sind die Verfügungen (Patientenverfügung/ Vorsorgevollmacht/ Betreuungsverfügung/ Testament/ Verfügungen für die Bestattung). Wer immer etwas erledigt, was im Grunde schon sehr lange auf der To-Do-Liste steht, erfährt in der Regel eine innere Befriedigung, wenn die Aufgaben endlich, endlich erledigt sind.

Das kann – wie bei jeder anderen Aufräumaktion – auch ein „innerliches“ Aufräumen zur Folge haben und ist ein sehr positiver Effekt. Derartige Regelungen könnten – gemeinsam mit Freund*innen und Familien – durchaus bei einem gemütlichen Kaffeetrinken geklärt werden und später notariell aufgesetzt werden. Doch damit ist noch nicht alles getan!

Gretchen fragt

Schwieriger wird es bei den Fragen, die immer unter den Teppich gekehrt wurden. Das sind die Gretchenfragen. Meist liegen sie seit vielen Jahren, Jahrzehnten „unter dem Teppich“ und niemand mag daran gehen, ausgerechnet jetzt „Leichen aus dem Keller“ zum Leben zu erwecken. Leider sind es ausgerechnet solche unangenehmen Gedanken und Gefühle, die in diesen schweren Momenten aus dem Nichts hervorquellen und Betroffenen – und ihrem Umfeld – jeden geruhsamen Schlaf rauben können.

Wer von Krankheit betroffen wird, kommt um Bilanzierungen ganz einfach nicht herum. Wegdrücken lassen sich die Fragen meist nicht, es sei denn, die Betroffenen werden von Schmerzen gequält und/ oder durch Medikamente „abgeschossen“, sodass ihnen klare Gedanken nicht mehr möglich sind.

Bilanzierungen und ihre Folgen

Vielleicht hat die Frage nach dem Sinn des Lebens viele Jahre in einem Dornröschenschlaf vor sich hin gedämmert und wir haben gearbeitet, hoffentlich ausreichend Spaß gehabt und vor uns hingelebt. Alles das steht jetzt auf der Kippe.

Es sind die Sinnfragen, die jetzt nach Antworten suchen. Sinnfragen bekommen nicht einfach – wie bei Rechenaufgaben – eindeutige und klare Antworten. Es gibt so viele Möglichkeiten. Der Zweifel, ob es einen Sinn gibt oder nicht, nagt und lässt sich nicht mehr beiseiteschieben.

Jetzt wird auch deutlich, welche Enttäuschungen in der Zeit des Lebens ausgeteilt wurden, es wird auch klar, welche Enttäuschungen eingefangen wurden. Und wer länger lebt, hatte auch mehr Zeit, Fehler zu machen. Diese Fragen sind offen. Die großen Fragen sind es, die jetzt ebenso anstehen, wie es große Gesten sind. Die offen ausgesprochenen Worte von Vergeben, Verzeihen und um Verzeihung bitten stehen an und können eine Lösung in Richtung Frieden bringen.

In der Bilanzierung spielt auch die Dankbarkeit eine Rolle. Wenn wir jemandem zutiefst dankbar sind oder ein anderer Mensch uns sehr dankbar ist, kann durch Zeigen der Dankbarkeit eine Verbundenheit entstehen, der ein Tod nichts anhaben kann.

Solche Schritte in die Tat umzusetzen, Dankbarkeit oder Vergebung stattfinden zu lassen, bedarf oftmals einer vertrauenswürdigen Begleitung. Wer in Frieden mit sich und seinem gelebten Leben ist, kann sich leichter davon lösen.

Wer bin ich?

Auch diese Frage hat nichts mehr mit den organisatorischen Regelungen zu tun. Diese Frage geht viel weiter, denn sie ist ein Teil der Bilanzierung. Von dieser Frage ist abhängig, ob ich einverstanden mit meinem Leben und meinem Dasein bin oder nicht.

Und am Ende eines Lebens stehen wir wie vor einem Spiegel des Lebens und dem Rätsel, was unsere Einzigartigkeit ausmacht. Sind wir wirklich einzigartig? Welchen Eindruck werden wir hinterlassen? Und welchen Abdruck werden wir hinterlassen? Jedes Leben ist so einzigartig, wie es der unverkennbare Fingerabdruck ist, den jeder Mensch hat. Das, was uns ganz normal erscheint, kann bei genauerem Hinsehen, Besonderheiten aufweisen. Werden diese gefunden, so kann ein Einverständnis mit sich selbst ein wunderbares Ergebnis sein. Auch dies braucht eine erfahrene Begleitung. „Weiterdenken statt Grübeln“ ist eine große Erleichterung im Abschiedsprozess.

Schwierige Fragen im Abschiedsprozess:

  • Ob es überhaupt einen Sinn im Leben gibt?
  • Welchen Sinn hatte und hat mein eigenes Leben?
  • Was habe ich in meinem Leben gewollt und was ist daraus geworden?
  • Wie steht es mit meinem Soll-und Habenkonto?
    • Wen habe ich verletzt?
    • Wer hat mich verletzt?
    • Wofür bin ich dankbar?
    • Wer ist mir dankbar?
  • Was würde ich heute anders machen, als ich es getan habe?
  • Wer bin ich?
  • Was wird mit mir nach meinem Tod?

Die Fragen sind unangenehm, nebulös und trotzdem dringend und werden selten gestellt. Es gibt ganz einfach viele Möglichkeiten und es gibt keine Beweise, geschweige denn, Gegenbeweise. Das ist besonders für eine Gesellschaft, die sich auf Verstand als höchstes Gut beruft und dazu in erster Linie materialistisch ausgerichtet ist, kein Wunder. Alles ist angesichts der Frage möglich. Und um entsprechende Fragestellungen kommt kaum ein Mensch herum, wenn der Abschied konkret wird. Es gibt keine objektiv richtigen Antworten. Es gibt jedoch Antworten, die uns im besten Fall tief berühren.

Reisevorbereitungen

Wer sich auf Weltenreisen begibt, tut gut daran, die Reise auch vorzubereiten. Auch eine Existenz nach dem letzten Atemzug kann weder bewiesen, noch gegenteilig bewiesen werden. Doch allein die Möglichkeit, dass „irgendetwas“ hinterher vielleicht doch auf uns wartet, sollte Anlass genug für Vorbereitungen sein.

Was wäre, wenn ich in diesem ganz normalen Leben mit offenen Sandalen in die Arktis führe? Was wäre, wenn ich dicke Mützen und Jacken eingepackt habe und mich letztlich barfuß an einem Strand in der Südsee mit warmem Wasser wiederfinde? Das spräche ganz sicher für ungenügende Vorbereitungen. Für viele Reisen, die in diesem Dasein unternommen werden, sind Listen, Besorgungen an der Tagesordnung. Doch angesichts der letzten großen Reise bestehen große Hemmungen, über diesen letzten Atemzug hinwegzudenken. Wagen wir uns jedoch an diese Gedanken heran, ist plötzlich eine Tür zu einer Zukunft – wie immer diese auch aussehen mag – offen. Nur Narren würden ohne Vorbereitungen ihre Reisen ins Ungewisse antreten.

Zu diesen Vorbereitungen gehört auch, die nahen Menschen liebevoll zu verabschieden. Einige Menschen schreiben ihnen Briefe, andere sorgen dafür, dass diese eine „Abschiedskiste“ mit Erinnerungen und Geschenken in den Händen haben, wenn die Reise angetreten wurde.

Die Letzten werden die Ersten sein… und die Letzten sollten die Ersten sein

„Was kannst du für mich tun?“, fragt mich eine Frau, deren Leben sich dem Ende nähert. Ich antworte ihr: „Ich kann dir Unterstützung geben, damit du mit deinem gelebten Leben in Frieden kommst. Ich kann dir Unterstützung geben, damit du in Frieden von deinen Lieben Abschied nehmen kannst. Und ich kann dir Unterstützung dabei geben, dass du gut vorbereitet abreisen kannst.“ – „Oh, das ist gut. Lass uns anfangen!“, sagt sie daraufhin.

Die numinosen, so genannten „letzten“ Fragen sind es, die eine große Bedeutung für das Leben in sich bergen. Nur: wir wollen nicht gerne an sie heran. Und so warten wir, bis letztlich der Tod uns wieder zu ihnen hinführt und wir nicht mehr ausweichen können.

„Hätte, hätte, Fahrradkette“, doch  „Hätte liegt auf dem Friedhof und Wäre liegt daneben“

Am Ende einer Bilanzierung und vieler Erkenntnisse, die sich durch diese ersten oder letzten Fragen ergeben, kann auch immer ein Teil Bedauern stecken. Wären wir mutig genug, letzte Fragen zu unseren ersten zu machen, würde ein Geschenk auf uns warten.

  • Wir würden ein großes, anstatt ein flaches, normales Leben leben.
  • Wir würden uns selbst eine Liste erstellen, in der unsere Wünsche und Vorhaben Platz finden.
  • Wir würden diese Liste ständig ergänzen
  • Wir würden Pläne und Ideen in die Tat umsetzen
  • Wir würden uns immer sagen: „Wann, wenn nicht jetzt?“
  • Wir würden wieder Wünsche wagen
  • Wir würden andere, gehaltvolle Schwerpunkte in unsrem Leben setzen
  • Wir hätten eine andere Zeitwahrnehmung
  • Wir wären gnädiger und demütiger und dankbarer

Denn eines ist klar: Hier kommt keiner lebend raus

Die Endlichkeit des Lebens kann ein Segen werden, wenn wir uns trauen, uns ihr anzuvertrauen.

Die Autorin, Claudia Cardinal, Jahrgang 1955, ist Mutter und Großmutter, langjährige Heilpraktikerin in eigener Praxis, Leiterin und Initiatorin der Sterbeammen- Akademie, Buchautorin und lebt in Hamburg. Ihr großes Anliegen ist es, neue Formen der Sterbe-und Trauerkultur zu entwickeln. Spiritualität bedeutet ihr in der Begleitung von Menschen in Lebenskrisen nicht nur die Achtung der Würde eines Menschen, sondern die Begleitung in eine neue und unbekannte Dimension hinein.

Buchveröffentlichungen: Trauerheilung- ein Wegbegleiter (Patmos), Sterbe-und Trauerbegleitung, ein praktisches Handbuch (Patmos), Lebe und lerne Sterben (Patmos), Wir sehen uns, neue Wege in der Trauerkultur (Patmos), Alles, nur kein Kinderkram (Patmos), Gutes Leben, trotz Krebs und schwerer Krankheit (Herder)

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