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Artikel Körperarbeit

Die Sehnsucht nach Berührung und absichtslosem Kuscheln

„Kuscheln“ hört sich ziemlich niedlich an – und beschreibt doch gleichzeitig etwas so immens Wichtiges, dass es einer gewissen Ernsthaftigkeit bedarf. Deshalb möchte ich mich hier einigen Aspekten dieses Themas widmen.

Berührungen sind ganz natürlich

Wenn ein Baby schreit und es gerade nicht auf dem Arm eines geliebten Menschen ist, wollen wir es instinktiv trösten. Und wenn wir nicht einschreiten können, wird den meisten von uns ganz mulmig, wir empfinden Wut und Ohnmacht. Denn wir sind von Natur aus so erschaffen worden, dass wir uns kümmern möchten – mit sanften Worten UND mit Berührungen.

Wenn ein dementer Mensch verzweifelt in Tränen ausbricht, weil er die Orientierung verloren hat, reagieren erfahrene Pfleger und Therapeuten instinktiv mit beruhigenden Berührungen und sanften, einfachen Worten.

Doch was ist mit den Menschen zwischen dem Zeitpunkt des Auszugs aus dem Elternhaus und dem Einzug in ein Seniorenheim? Also mit den meisten von uns?

Das Versteckspiel mit der Bedürftigkeit

Ist für uns die körperliche Berührung und herzliche zwischenmenschliche Zuwendung etwas, was sein kann, aber nicht muss? Wer ohne Partner lebt, keine Kinder und wenige, vielleicht sogar körperlich reservierte Freunde hat – tja, der hat eben Pech gehabt, vielleicht etwas „falsch“ gemacht und muss nun damit klarkommen?

Mit diesen selbstbeschämenden Gedanken schlagen sich nicht wenige von unseren Klienten in der Kuschelpraxis herum. Da steht auf der einen Seite ein heftiges Bedürfnis nach Halt und Geborgenheit und auf der anderen Seite so etwas wie eine Stimme unserer Gesellschaft, die wohl nicht nur eingebildet ist. Sie rät, sich zusammenzureißen, mal was zu unternehmen, Yoga zu machen, zu meditieren, einen guten Ratgeber zu lesen, spazieren zu gehen usw.

Das suggeriert, dass dieses Bedürfnis nach nährender menschlicher Wärme mit Berührungen einfach mit anderen Erlebnissen zu ersetzen ist. Doch das stimmt nicht! Denn bei fehlenden Berührungen handelt es sich um einen Mangel – ganz ähnlich dem Nährstoffmangel.

Bringt es uns um, wenn wir die meiste Zeit zu wenig Vitamin D oder B12 in unserem Körper haben? Nein. Aber wir leiden an mehr oder weniger unspezifischen Symptomen, die weitreichend die Lebensqualität beeinflussen können. Bringt es uns um, wenn wir die meiste Zeit keinen körperlichen Halt und zarte Berührungen bekommen? Nein. Doch es ist zu beobachten, dass Menschen, denen es so ergeht, zu depressiven Gedanken neigen, an Selbstwertgefühl verlieren, sich immer weniger zutrauen, sich zurückziehen und sich selbst vernachlässigen. Und so eine Grundstimmung macht krank  – das ist mittlerweile bekannt.

Depression verkürzt das Leben

Wissenschaftler sind sich darüber einig, dass wir unser ganzes Leben lang streichelnde Berührungen brauchen. Vor gut 15 Jahren entdeckte die Wissenschaft, dass sich auf über 80 Prozent unserer Haut spezielle Rezeptoren  – die C-taktilen Nervenfasern – befinden, die einzig und allein dafür zuständig sind, unserem Gehirn zu melden, dass wir gestreichelt werden. Und wenn die Berührung mit 32 °C und einer Geschwindigkeit von ca. 3 cm pro Sekunde geschieht, also einer durchschnittlichen Streichelbewegung einer Hand, dann schüttet unser Gehirn Botenstoffe aus, die für Muskelentspannung und Glücksgefühle sorgen.

Ein Wissenschaftler aus Berlin, Prof. Dr. Müller-Oerlinghausen, hat eine anerkannte Studie in einer Psychiatrischen Klinik mit depressiven Patienten durchgeführt, aus der hervorgeht, dass eine sanfte, streichelnde Massage (hier wurde die psychoaktive Massage angewandt) mehr Erfolge bei der Behandlung bringt, als alle chemischen Helfer zusammen. Und dieser Herr ist Pharmakologe!

Wir alle brauche körperliche Zuwendung

Unsere Gesellschaft bringt nicht wenige Menschen hervor, die ein Leben ohne herzliche Berührungen führen. Und sie bringt noch mehr Menschen hervor, die zwar zeitweise Zuwendung bekommen, jedoch sich damit niemandem zumuten wollen, wenn sie sich klein, unsicher und bedürftig fühlen. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Da gibt es den erfolgreichen Mann, dessen Frau und Freundeskreis in seinen Augen schockiert und überfordert wäre, wenn er ihnen zeigen würde, wie sehr er sich manchmal Halt wünscht. Oder die junge Mutter, die zwar viel Geborgenheit schenkt, jedoch viel zu oft alleine ist und sich ihrem Mann, der sich auch erst einmal in der Vaterrolle einfinden muss, nicht zumuten mag. Oder der sensible junge Mann aus einer dörflichen Gegend, wo zwischen Disko und Saufen oft nur wenig Platz für Feingefühl bleibt.

Das Thema „sich jemandem zumuten“ gehört oft als Bestandteil einer therapeutischen Kuschelsitzung dazu. Es berührt mich zutiefst, dass so viel Scham und Staunen über sich selbst entsteht, wenn die Menschen spüren, dass sie sich so intensiv nach einem starken Arm und einem „gehalten werden“ sehnen.

Absichtsloses Kuscheln – ohne komplizierte Beziehungsarbeit

Damit ist gemeint, dass man immer (schon auf der biologischen Ebene) mit jemandem eine Beziehung eingeht, in dessen Armen man liegt. Bei einem Kuscheltherapeuten geht ein Klient davon aus, dass dieser auf sich selbst gut achtet, aus absolut freien Stücken diese Arbeit leistet und dazu ausgebildet ist, die Gefühle des Klienten gut intergieren zu können.

Beim Kuscheln im Alltag findet natürlich auch sehr wichtige Beziehungsarbeit statt. Es kann vorkommen, dass das an sich sehr beruhigende Kuscheln in eine sexuelle Phase übergeht oder aber auch in einen Streit. Denn die Nähe fördert das Bedürfnis, sich mit seinen Ängsten anzuvertrauen. Und das kann wiederum den anderen überfordern. Es ist also nicht ganz sicher, wie das Kuscheln endet – was aber natürlich auch ganz wunderbar ist, denn das Leben ist einfach spannend!

Jedoch Menschen, die sehr wenige oder eher belastende Beziehungserfahrungen gesammelt haben, sehnen sich einerseits umso mehr nach bedingungslosem Halt und sind auf der anderen Seite oft besonders unsicher im Bezug auf zwischenmenschliche Nähe. Ihnen allen wünsche ich, dass sie einen sehr einfühlsamen, zärtlichen, verständnisvollen und geduldigen Weggefährten finden! Und solange sie einsam sind, wünsche ich ihnen von ganzem Herzen, dass sie zu ihren Bedürfnissen stehen und sich gut um sich kümmern. Ob Bonding, Biodanza, Tantra, psychoaktive Massage oder unsere Kuschelpraxis – es gehört viel Mut und Ehrlichkeit zu sich selbst dazu, um initiativ zu werden.

Dafür haben Sie meinen größten Respekt!

Die Autorin, Alexandra Ueberschär, absolvierte eine Krankenpflegeausbilung und eine Ausbildung zum Multilevel-System-Coach (NLP plus Prozessorientierte Systemische Aufstellungsarbeit). Sie lebt in Hamburg und leitet dort die erste Kuschelpraxis Deutschlands – mit Einzelsitzungen und Gruppenevents.

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