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Artikel Lebensfragen

Unterwegs mit ‚falschem Gepäck‘: das Los der Kriegsenkel

Glaubenssätze, die in der Kindheit tief eingeprägt wurden, können die Lebenszufriedenheit der Generation Kriegsenkel, etwa zwischen 1955 und 1980 geboren, auch heute noch stark einschränken. Sie ins Bewusstsein zu holen und damit mehr innere Freiheit zu gewinnen, ist ein Ziel der Seminare, die der Verein Kriegsenkel e.V. veranstaltet.

Dir geht’s wohl zu gut!“

Krank sein heißt faul sein.“

Wenn Erwachsene sprechen, müssen Kindern schweigen!“

Man muss mit dem Schlimmsten rechnen, dann kann es nur besser werden.“

Zwölf Menschen sitzen im Kreis, graben tief im Erbe ihrer Familie und fördern Interessantes zutage: Sprüche, Weisheiten, Anweisungen, hunderte Male gehört und tief eingeprägt in die Erinnerung. Zu einem Seminar von Kriegsenkel e.V. haben wir uns zusammengefunden. Ein wenig beklommen ist die Stimmung zu Beginn, aber das löst sich schnell. Denn schon nach der Einstiegsrunde ist jedem klar: „Den anderen geht es genau wie mir.“ Also begeben wir uns gemeinsam auf eine Expedition in unsere Vergangenheit.

Eine emotionale Kluft ist damals entstanden: Die Eltern und Großeltern haben den Krieg und die Nachkriegszeit erlitten – wir Kriegsenkel, zwischen 1955 und 1980 geboren, nicht. Die Vorfahren wurden davon geprägt und reichten diese Prägungen an uns weiter.

In den Glaubenssätzen, die unsere Erziehung begleiteten, liegt das ganze Drama einer Generation geborgen, die damit für ihr Leben im Frieden belastet wurde.

Das ist wahrlich nicht immer hilfreich. Die Therapeutin Sandra Konrad vergleicht das, was wir mit uns als Familienerbe herumtragen, mit falschem Gepäck: als wären wir im Abendkleid auf Segeltour über den Atlantik oder mit Malariaprophylaxe in den Alpen unterwegs. Und so merken wir immer wieder, wie sich die Glaubenssätze dysfunktional auswirken, wie sie uns bremsen und behindern, uns wie „mit angezogener Handbremse unterwegs“ sein lassen, wie die Autorin Sabine Bode es mal genannt hat.

Ein Musterbeispiel ist der Glaubenssatz „In der ersten Reihe wird man erschossen.“ Es steht außer Frage, dass dieser Satz im Krieg das Überleben sichern kann. Aber wie soll jemand, der vom Vater oder Großvater diesen Satz als Leitlinie mitbekam, je sein Potenzial als Führungskraft ausschöpfen? Als talentierte Sängerin sich in Rampenlicht der Öffentlichkeit trauen? Sich selbstständig machen und ein eigenes Unternehmen gründen? So entfalten überlebte Weisheiten der Älteren auch viele Jahrzehnte nach Kriegsende noch ihre begrenzende, ja, zerstörerische Wirkung.

Bekamen wir einst eingetrichtert, dass Krankheit einfach nur ein Symptom von Faulheit sei, werden wir heute kaum zu einer angemessenen Selbstfürsorge kommen. Wurde uns einst vermittelt, wir sollten uns gefälligst nicht so wichtig nehmen, ist es nicht allzu verblüffend, wenn wir immer noch unsere Bedürfnisse hintanstellen.

Auch die Unmöglichkeit, einen liebevollen, unterstützenden Kontakt zu den Eltern zu bekommen, haben viele von uns erlebt und erlitten. Die Ursache dafür liegt in der psychischen Traumatisierung der Älteren. Sie hatten Grauenvolles erlebt und sich davor geschützt, indem sie sich von ihren Gefühlen abschnitten, ihre Erlebnisse nicht verarbeiteten, sondern verdrängten. Das führte zu einer emotionalen Betäubung. Erlebter Schrecken wird dann nicht mehr gespürt – alles andere aber auch nicht.

Wir können leider nicht wählen, was wir fühlen wollen. Wir sind entweder berührbar oder wir verschließen uns.

Wenn wir uns aber verschlossen haben, wie es viele Kriegskinder in ihrer Not taten, können wir nicht empathisch sein, wenig Resonanz geben, in Kontakt kommen. Und das haben die Kriegsenkel dann in ihrem Elternhaus erlebt.

In Glaubenssätzen und allgegenwärtigen Sprüchen findet sich das wieder. Dazu gehören diese Sätze wie: ‚Heul hier nicht rum!‘, ‚Reiß‘ dich zusammen!‘, ‚Das hat doch gar nicht weh getan.‘ So bringt man Kindern bei, ihren eigenen Wahrnehmungen zu misstrauen.

Es sind diese unbewussten Mechanismen, die in uns weiterwirken. Viele von uns litten als Kinder unter der Begrenzung ihrer Vitalität. Wir erlebten eine aggressive Aufladung der Eltern, wenn unsere kindliche Lebendigkeit sich laut und ungestüm zeigte. Sie triggerte die Angst der Eltern, unangenehm aufzufallen, die sich während der Nazizeit und im Krieg tief eingegraben hatte. Die Begrenzung war für uns als Kinder freilich nicht einzuordnen, wir verstanden nicht, warum wir leise, unauffällig, angepasst handeln sollten. Aber wir gehorchten, meistens. Taten wir es nicht, wurden wir gemaßregelt: „Wie du wieder rumläufst! Was tust du uns an! Musst du uns immer Schande machen?“ In solchen Sätzen ist die Verzweiflung der Älteren spürbar, die sich schützen wollten vor den strafenden Blicken der Nachbarn, der Lehrer, der Gesellschaft.

Eine Mischung aus Belustigung, Trauer und Wut wird in den Kriegsenkel-Seminaren spürbar, wenn die Gruppe sich mit diesen Sätzen befasst. Lebendig ist die Runde, immer wieder erklingt ein, „oh, das kenne ich auch!“ Wir spüren, wie sehr uns dieses Gepäck, das uns die Eltern aufgebürdet haben, den Weg durchs Leben schwer gemacht hat. Aber irgendwie ist es trotzdem fast komisch, dieselben Sprüche aus dem Mund von Menschen zu hören, die wir erst an diesem Morgen kennengelernt haben. Gerade wenn es bedrängend wird, hilft es, gemeinsam zu lachen.

Den Rahmen zu schaffen für sehr persönliche Gespräche – neben den Informationen und Übungen, die den Lauf des Tages strukturieren, ist dieser Austausch das zentrale Element. Wie tröstlich das wirkt – das bestimmende Gefühl der Kriegsenkel-Seminare.

Und es gibt auch die positive Seite der Glaubenssätze: Erfahrungen aus unserer Kindheit, die nicht behindern, sondern eine wertvolle Hilfe sind.

Diese etwa: „Ich kann durchhalten.“ Oder: „Ich kann mit wenig sehr zufrieden sein.“ Oder: „Ich kann Verantwortung übernehmen. Das habe ich früh gelernt.“ Eine schöne, eine wichtige Erkenntnis, ein Glaubenssatz, der eine wertvolle Ressource bedeutet. Und eine Möglichkeit, sich auch liebevoll mit den Vorfahren zu verbinden.

Wie sagte einst Paul Watzlawick: „Erwachsensein bedeutet, das Richtige zu tun, selbst wenn es die Eltern empfohlen haben.“

Das nächste Kriegsenkel-Seminar findet in Hamburg am 16. November statt.

Der Autor, Sven Rohde, 1961 geboren, ist Coach und Autor in Hamburg. Er gehört zum Vorstand von Kriegsenkel e.V. und leitete Seminare des Vereins. Informationen dazu gibt es auf seiner Homepage und auf der des Vereins.

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