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Artikel Bewusstsein

Kann man leben, ohne wirklich lebendig zu sein? – Zum Leben erwachen

Dass du noch nicht gestorben bist, reicht nicht aus als Beweis, dass du wirklich lebst. Lebendigkeit bemisst sich am Grad deines Wachseins.“

Steindl-Rast

Kann man leben, ohne wirklich lebendig zu sein? Der Benediktiner-Mönch Steindl Rast misst Lebendigkeit am Grade der Wachheit. Was Wachheit bedeutet können wir am besten bei Kindern wahrnehmen. Sie leben im Hier und Jetzt, im gegenwärtigen Augenblick.

Wirklich als Mensch auf dieser Welt zu leben, ist etwas ganz Seltenes“, meint der irische Poet Oscar Wilde. „Die meisten Menschen existieren, und das ist alles.“ Was aber ist der Unterschied?

Der französische Philosoph Michel de Montaigne sagt: „Unser großes und herrliches Meisterstück ist: richtig zu leben“. An anderer Stelle sagt er: „Die oberste Aufgabe, zu der wir berufen sind, ist für jeden sein eigenes Leben zu führen.“

Vielleicht ist es das. Wer möchte am Ende seines Lebens nicht zurückblickend sagen können „Ich habe mein Leben gemeistert und wirklich als Mensch gemäß meiner Natur auf dieser Welt gelebt? – Ich bin nicht sicher, ob alle Menschen wissen, das Leben als solches bereits eine große Aufgabe für uns Menschen ist, der wir uns bewusst stellen oder auch nicht. Wie wollen wir unser Leben leben?

Vor einigen Jahren begegnete mir ein Zitat von Thornton Wilder: „Man muss das Leben lieben, um es zu leben, und man muss es leben, um es zu lieben.“ – Ein „liebenswertes“ Leben? Ich habe mich gefragt, was das bedeutet. Mir wurde bewusst, dass seit über zwanzig Jahren Menschen zu meinen Seminaren kamen, die im Grunde genau das erfahren wollten. Sie wollten erfahren, was es bedeutet, sein Leben wirklich so zu leben, dass man es gerne lebt.

Zum Erwachsenen erwachen

Viele Menschen sind überwiegend mit dem Kind, das sie einmal waren, identifiziert; allerdings nicht mit dem wachen und lebendigen Kind, sondern mit dem verletzten Kind. Verletzungen in der Kindheit sind überwiegend dadurch entstanden, dass grundlegende Bedürfnisse des Kindes nicht befriedigt wurden: Bedürfnisse nach der Bestätigung, dass man in Ordnung ist wie man ist, nach Anerkennung für sein Tun und vor allem nach Liebe und Zuneigung. Je weniger diese Bedürfnisse erfüllt wurden, desto je geringer ist das Selbstwertgefühl. Man identifiziert sich mit einem Bild von sich, das man mit der Zeit von sich entwickelt hat, man lebt und handelt (unbewusst) aus diesem Bild heraus.

Diese nicht (ausreichend) erfüllten Bedürfnisse werden beim erwachsenen Menschen zur Bedürftigkeit, die wie eine Sucht wirkt. Man sucht, man braucht die Bestätigung, Liebe und Zuneigung sowie auch Anerkennung von anderen Menschen. Das aber führt zu Abhängigkeit. Man macht die anderen dafür verantwortlich, dass es einem gut geht, in dem sie nachträglich die in der Kindheit nicht erfüllten Bedürfnisse erfüllen sollen. Diese Abhängigkeit macht es dann nahezu unmöglich, als ein wirklich erwachsener Mensch zu leben und für sein Leben selbst die Verantwortung zu übernehmen

Zu erkennen, dass ich nicht mehr abhängig vom Wohlwollen anderer bin, sondern mir selbst geben kann, was ich als Kind nicht bekommen habe, ist der erste Schritt, um zu einem wirklichen Erwachsenen zu erwachen, d.h. als verantwortungsbewusster Erwachsener zu leben.

Sehr hilfreich ist dabei ist das Konzept vom „Inneren Kind“. Dieser Begriff ist in den letzten Jahren u.a. durch das Buch „Aussöhnung mit dem Inneren Kind“ von Chopich/Paul populär geworden. Ziel dieses Konzeptes ist: zu erkennen, ob und wann man mit diesem Inneren Kind identifiziert ist. Sobald man es erkennt, kann man sich auch mit einem Inneren Erwachsenen identifizieren. Dieser Erwachsene muss aber zunächst noch entwickelt werden, damit er die Verantwortung für die Erfüllung dieser Bedürfnisse des Kindes übernehmen kann. Gelingt es, wird es möglich, die Verantwortung für Glück und Zufriedenheit im Leben heute, Hier und Jetzt, selbst zu übernehmen.

Bewusstheit ist also eine Grundlage, um die Verantwortung für Glück und Zufriedenheit im eigenen Leben übernehmen zu können. Unbewusstes Handeln und Sprechen dagegen geschieht in einer Art Halbschlaf. Man wird von seinen Konditionierungen und Programmierungen im Gehirn quasi wie durch einen Autopiloten gesteuert. Man reagiert mehr, als dass man bewusst agieren könnte.

Bedauerlicherweise geschieht dies bei sehr vielen Menschen. Der Ausspruch von Jesus: „Vater verzeih‘ ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, macht dies deutlich. Um bewusst zu sprechen und zu handeln, muss man wirklich wach sein. Dieser Grad von Wachheit, wie eingangs im Zitat von Steindl Rast beschrieben, bestimmt auch den Grad der Lebendigkeit.

Eine weitere Qualität, die den reifen Erwachsenen neben zunehmender Unabhängigkeit durch zunehmende Bewusstheit ausmacht, ist der Grad an Verbundenheit mit anderen Menschen, Tieren und der Natur. Das Gegenteil von Verbundenheit ist Egoismus. Egozentrisches Verhalten hat nur die eigenen Interessen im Visier. Andere Menschen, Tiere und Natur werden zu Objekten, die man benutzt, damit man seine Ziele erreicht. Der erste Schritt, um mehr diese Verbundenheit zu kultivieren ist – auch wenn es zunächst paradox erscheinen mag – sie zuerst einmal in sich selbst zu entwickeln. Das bedeutet, sein Inneres Kind wirklich bedingungslos lieben zu können, um damit auch das eigene Selbstwertgefühl zu verändern. Eine echte, liebevolle Verbindung zu sich selbst aufzubauen hat nichts mit Egoismus zu tun. Sie ist die Voraussetzung, um andere und das Leben wirklich lieben zu können.

Erwachen zum Sein

Wir haben das zu sein, was wir sind“, sagt der Trappist, Mystiker und Schriftsteller, Thomas Merton. – Herauszufinden, was ich in meiner Essenz bin, wurde zur Kernfrage meines Lebens. Solange wir nicht erkannt haben, dass alles, was wir brauchen, um glücklich und zufrieden zu sein, längst in uns ist, leben wir (unbewusst) aus den Bildern, mit denen wir uns im Laufe des Lebens identifiziert haben. Wir sind im wahrsten Worte „eingebildet“, glauben etwas zu sein, was wir nicht sind. Dies spiegelt sich in dem von Oscar Wilde zitierten Ausspruch wider: „Wirklich als Mensch auf dieser Welt zu leben, ist etwas ganz Seltenes. Die meisten Menschen existieren, und das ist alles.“ Abhängigkeit und egoistische Verhalten ist die Folge.

Auf dem Weg, eine Antwort zu dieser Kernfrage „Wer/Was bin ich?“ zu finden, hat mir wesentlich der indische Weisheitslehrer Nisargadatta Maharay geholfen. Er meint dazu: „Um herauszufinden wer/was du bist, musst du erst herausfinden, wer/was du nicht bist.“

Der amerikanische Psychologe Stephen Wollinisky, ein Schüler von Nisargadatta, hat dies so formuliert: „Was du über dich selbst weißt, kam von außerhalb von dir, deswegen löse dich davon! Alles, was du denkst zu sein – das bist du nicht.“

Durch Identifikationen grenzen wir uns ab. Wenn ich sage, „ich bin ein Mann, eine Frau“ grenze ich mich vom anderen Geschlecht habe. Wenn ich sage, „ich bin ein Mensch“, grenze ich mich von Tieren und Pflanzen aber. Das ist auf einer sachlichen Ebene für unsere Sprache auf dieser Welt auch durchaus in Ordnung. Im Kern unseres Seins aber sind wir nicht getrennte Wesen, sondern Teil eines größeren Ganzen.

Es gibt nur den EINEN GEIST“, ist eine Weisheit des Zen-Meisters Hung Hang Po. Aus diesem GEIST bilden sich Formen, die kommen und gehen. Diese Formen existieren in der Zeit und sind somit vergänglich. Der EINE GEIST ist das Ewige, das zeitlos ist, ohne Anfang ohne Ende. Er ist auch die wahre Essenz dessen, was wir im Kern unseres Seins sind. Laotse nennt diesen EINEN GEIST das TAO. In der christlichen Sprache kann man es Gott nennen, wenn man diesen Gott nicht als ein von uns getrenntes Wesen betrachtet, sondern davon ausgeht, dass er in allem ist, in der Pflanze als Pflanze, im Tier als Tier, im Menschen als Mensch.

Der Franziskaner Richard Rohr betrachtet Christus als diese göttliche Essenz in uns. Auch der Begriff „Christus-Bewusstsein“ sowie im Buddhismus „Buddha- Natur“ meint das Gleiche. Alles dies sind Begriffe, die nur „Finger sind, die zum Mond“ zeigen, wie es eine Zen-Weisheit ausdrückt. Der „Mond“ ist die Erfahrung dieser Einheit mit Allem. Es ist die Erfahrung der Mystiker in allen Religionen. Sie wird daher auch als eine mystische Erfahrung bezeichnet. In der transpersonalen Psychologie, wie auch in der Psychosynthese, nennt man sie eine „transpersonale“ Erfahrung. Diese Erfahrung ist in ihrem Kern eine Transzendenz des dualistischen Denkens zu einer kontemplativen Lebensweise, in der wir aus einem Bewusstsein von Nicht-Getrenntsein leben und handeln, die sich einer tiefen Verbundenheit mit Allem ausdrückt. Es ist eine Transformation des „Ego-Bewusstseins“ zu einem „Bewusstsein der Seele“, wie es der Franziskaner Richard Rohr nennt. Anders ausgedrückt, es ist ein Erwachen aus einem Falschen Selbst zum Wahren Selbst.

Diese Transformation bedeutet ein Paradigmenwechsel: Das alte Paradigma sagt: „Ich bin ein Mensch, der eine spirituelle Erfahrung macht.“ Das neue Paradigma sagt „Ich bin ein spirituelles Wesen, das eine menschliche Erfahrung macht.“ Dieser Ausspruch stammt sinngemäß ursprünglich von dem Jesuiten und Philosophen Teilhard de Chardin, der so etwas wie der Visionär eines neuen Bewusstseins ist, auf das sich die Menschheit in ihrer Evolution zubewegt. Er wurde wegen seiner Thesen aus der Kirche verbannt.

Was ist nun die Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ – Löst man sich von allen Identifikationen, die mit „Ich bin dies oder das“ beginnen, bleibt nur das „ICH BIN“. Dies ist die einzige wirkliche Gewissheit, die wir haben. In diesem Zustand sind wir zum reinen SEIN erwacht. Man lebt aus einem Bewusstsein, das die Abspaltung des Egos überwunden hat. Diese Abspaltung – die Erfahrung von Dualismus, von Subjekt und Objekt – ist die eigentliche Erbsünde.

In diesem neuen Bewusstsein, ein spirituelles Wesen zu sein, das in seinem Leben auf dieser Erde Erfahrungen als Mensch macht, leben wir aus einer inneren Verbundenheit mit Allem Wie sind dann zu einem Leben erwacht, das aus unserer menschlichen Natur, unserem Wahren Selbst, geführt und gestaltet wird.

Zusammenfassung

Der erste Schritt, um zum Leben erwachen zu können, ist, dass man die Verantwortung für Glück und Zufriedenheit selbst übernimmt und damit frei wird vom Wohlwollen anderer. Nur in dieser inneren Freiheit ist wahre Liebe möglich. Ist man abhängig von der Liebe anderer, kann man selbst nicht wirklich lieben, weil das Wesen der Liebe ist, dass sie keine Bedingungen stellt. Man liebt, ohne etwas dafür zu erwarten. Nur wenn das möglich ist, hat man die Reife eines wirklich erwachsenen Menschen erreicht.

Der zweite Schritt ist, das Bild loszulassen, das man von sich hat, das sich aus zahlreichen Identifikationen zusammensetzt, die man im Laufe des Lebens eingegangen ist. Dieses konditionierte Verhalten ist sehr mächtig, solange es unbewusst ist. Es geht darum, sich unserer zahlreichen Rollen, die wir im Leben im Beruf, in Beziehungen, in Familien und Gemeinschaften, mit denen wir uns identifizieren, bewusst zu werden. Dieses Bewusstwerden ist mit einem Erwachen aus diesem falschen Bild, das wir von uns hatten, verbunden.

Das Zitat von Shakespeare „Die ganze Welt ist eine Bühne und alle Männer und Frauen sind nur Spieler, sie treten auf und treten wieder ab“ kann in diesem Zusammenhang helfen zu erkennen, dass wir wie ein Schauspieler nicht die Rolle sind, sondern sie ständig wechseln können. Wenn wir uns bewusst mit einer Rolle identifizieren, ist das etwas ganz anderes, als dies unbewusst zu tun. Der Schauspieler auf der Bühne ist dann besonders gut, wenn er sich ganz mit seiner Rolle identifizieren kann. Er weiß aber, dass hinter dieser Rolle er als Mensch steht.

Wenn wir das übertragen auf unsere Rollen, die wir in unserem Leben spielen, dann besteht die Herausforderung darin, dass wir uns immer bewusst sind, dass wir nicht diese Rollen sind, sondern in der Essenz unserer menschlichen Natur.

Dieses Erwachen zum SEIN ist ein Prozess. In meinem eigenen Prozess war es das psycho-spirituelle Modell der Psychosynthese von Roberto Assagioli, einem Arzt und Psychiater, das mich auf Weg zu meinem WAHREN SELBST gebracht hatte. Sie wurde für mich die Orientierungshilfe für mein weiteres Leben.

Der Autor, Hans Piron, ist Psychotherapeut (HPG) auf der Grundlage der Psychosynthese. Seit 1996 bietet er in seinem ZENtrum für Psychosynthese und Meditation im Westerwald ein Workshop-Programm an. Er war über 30 Jahre in einem internationalen Wirtschaftsunternehmen im Management und als Managementtrainer tätig. Die Praxis von Meditation seit 1985 und die damit verbundenen Erfahrungen haben ihn zur transpersonalen Psychologie und zum psycho-spirituellen Modell der Psychosynthese geführt.

Eigenes Buch: Das Leben leben!

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