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Artikel Lebensfragen

Das kalte Herz

Menschsein kennt viele Zustände zwischen Liebe und Hass. Und die ganze Palette lebt in jedem von uns. Wir sehen das nicht gern. Wir sehen uns selbst und die, die unserem Herzen nahestehen, gerne als warmherzig und finden Wut und Hass, das kalte Herz, lieber bei anderen, die wir nicht lieben.

Aus diesem Schieben des vermeintlich „Bösen“ auf andere, weit weg von uns, und daraus, es bei uns nicht wahrhaben zu wollen, entsteht alles Elend dieser Welt. Denn solange wir Hass in uns verdrängen, geben wir die Möglichkeit auf, ihn loszulassen. Der folgende Text erinnert daran, dass alles, was existiert, auch in uns lebt. Er ist von Thich Nhat Hanh, einem vietnamesischen Zen-Meister, der für seine Herzenswärme von vielen geliebt und verehrt wird.

Nenn mich bei meinen wahren Namen

Sag nicht, dass ich morgen scheide
– ich komme ja immer noch an.

Sieh doch: ich komme in jeder Sekunde an,
um die Knospe am Frühlingszweig zu werden,
ein kleiner Vogel, dessen Flügel noch zerbrechlich sind
und der gerade singen lernt in seinem neuen Nest,
ein Käfer im Herzen einer Blume
und ein Juwel, das sich im Stein verbirgt.

Ich komme immer noch an, um zu lachen und zu weinen,
zu fürchten und zu hoffen;
der Rhythmus meines Herzens ist die Geburt
und der Tod alles Lebendigen.

Ich bin die Eintagsfliege,
die schillernd auf dem Fluss treibt,
und ich bin der Vogel, der im Frühling
gerade rechtzeitig kommt,
die Eintagsfliege zu verspeisen.

Ich bin ein Frosch, der ganz zufrieden
im klaren Wasser eines Teiches paddelt,
und ich bin die Ringelnatter, die sich
in stiller Pirsch an den Frosch heranmacht.

Ich bin das Kind aus Uganda, nur Haut und Knochen noch,
mit Beinchen so dünn wie Spindeln,
und ich bin der Waffenschieber,
der todbringendes Gerät an Uganda verkauft.

Ich bin das zwölfjährige Mädchen auf einem Flüchtlingsboot,
das sich ins Meer wirft,
nachdem es von einem Piraten vergewaltigt wurde,
und ich bin der Pirat, mit einem Herzen,
das noch blind und unfähig ist zu lieben.

Ich bin ein Mitglied des Politbüros,
mit großer Macht in meinen Händen,
und ich bin der Mann,
der seine „Blutschuld“ meinem Volk gegenüber abträgt,
während er im Arbeitslager eines langsamen Todes stirbt.

Meine Freude ist wie der Frühling,
so wärmend, dass sie überall Blumen hervorsprießen lässt.
Mein Schmerz ist wie ein Fluss aus Tränen, so voll,
dass er die vier Meere füllt.

Bitte nenn mich also bei meinen wahren Namen,
damit ich aufwache,
damit das Tor meines Herzens,
das Tor des Mitgefühls,
offenbleibt.

Diese Zeilen habe ich geliebt, seit ich sie zum ersten Mal hörte. Weil sie mir zeigen, dass ich in bester Gesellschaft bin, wenn ich das „Böse“ in mir finde. Weil sie mir Mut machen, mich damit zu zeigen, anstatt mich zu verstecken, um ja nur geliebt zu werden.

Wenn ich ehrlich bin, finde ich auch als Frau einen Vergewaltiger in mir, und auch als Friedenssucherin einen Nazi und Mörder. Die in mir zu finden, ist schon schwer auszuhalten, sie vor anderen zu verstecken, macht es noch schwerer. Der Hass, die Brutalität und das kalte Herz, die zu ihnen gehören, kenne ich aus kleinen und großen Anlässen Tag für Tag: Zum Beispiel, wenn alles sich verschworen zu haben scheint, und die scheinbare „Tücke“ der Materie mich an meine Grenzen bringt – dabei ist es schon der (meist unbewusste) Hass, mit dem ich auf die Dinge zugehe, der sie sich sperren lässt; zum Beispiel durch Verletzungen und Beleidigungen, besonders in intimen Beziehungen; durch Missachtung meiner wesentlichen Bedürfnisse; durch ungebetene Anrufe von Telefonverkäufern und die Unverschämtheit, mit der sie mich belügen; durch Nachrichten über zerstörerische Entscheidungen und Lügen von Politikern … Und vor allem durch die Anhäufung all dieser Erlebnisse bei gleichzeitiger Unmöglichkeit, allen Gefühlen, die in mir aufsteigen, freien Lauf zu lassen.

Wir sind gewohnt, zwischen kriminell und nicht kriminell zu unterscheiden, und übersehen dabei, dass das, was im Alltag oft in uns aufsteigt und was wir in seiner Tiefe gern verdrängen, derselbe Hass ist, der alle Täter und alle Opfer dieser Welt erfasst.

Er lässt die Täter handeln, und die Opfer auf Rache sinnen und sie früher oder später selbst zu Tätern werden. Kein Täter der Geschichte, welcher Partei auch immer, wie schrecklich er auch gewütet haben mag, hat mich je an Hass übertroffen. Nur an Bewusstheit hab ich was voraus, sodass ich wählen kann, was für ihn schon entschieden war, als Hass in ihn gepflanzt wurde. Wer, selbst von uns edlen Gefährten, die für den Frieden kämpfen wollen und für eine bessere Welt, kann dem Ring der Macht, der ja auch von diesem Hass lebt, bei näherer Berührung widerstehen? Wer von uns ist wie Frodo oder Bombadil? Jeder, der einen Funken Hass in sich nährt, verfällt dem Ring und damit dem Hass und dem kalten Herz, auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen – sogar umso mehr, je weniger wir es wahrhaben wollen. Denn wenn wir es wahrnehmen, sind wir bewusst und haben die Wahl.

Wenn ich ehrlich bin, erlebe ich den Hass am eigenen Leib; ich halte ihn fest, krampfhaft, als ginge es ums Leben. Das tut es auch, es geht um das Gesicht, die Maske, die unberührbare Maske. Das kalte Herz hält verbissen an seiner Maske fest, nur nicht weinen, nur nicht berühren lassen, nein, ich halte mein Herz zu. Ich will nicht den Menschen hinter dem verhassten Täter sehen. Denn wenn ich es erlaube, ihn zu sehen, dann kann ich nicht mehr hassen. Ich will lieber weiter diesen Hass nähren, weil er mir immerhin eine Identität gibt. Wie Hitler in seinem Bunker will Hass in mir lieber alles mit sich in den Untergang reißen, als loszulassen und sich zu öffnen für Trauer und Verzweiflung, für Einsicht, Reue, und letztlich für Einssein, für Gnade und Liebe.

Hass will die Trennung aufrechterhalten, um jeden Preis! Bloß nicht weich werden! Bloß nicht weinen, Berührtsein zeigen. Grrrrr, festhalten, pressen, zudrücken mit aller Kraft, die zur Verfügung steht. Es kostet soviel Kraft, aber es ist ein eingefahrener Weg, und deshalb läuft es wie von allein, wenn ich nicht bewusst innehalte. Bloß nichts entweichen lassen von dem, was jetzt fließen will an Trauer, Weichheit, Mitgefühl und Reue.

Hass in mir braucht und erzeugt täglich aufs Neue die Illusion des Getrenntseins. Sehnsucht will Einssein und Paradies, Hass hält krampfhaft an Trennung fest.

In Anderen ist er leicht zu sehen, springt gleich ins Auge. Überall, wo ich hinschaue, sehe und schmecke ich ihn. Erst meine Vorliebe, auf ihn zu reagieren, mit gleichem Hass, bringt mich auf die Idee, in mich zu schauen, was es ist, dass diesen Hass so hasst – es ist der Hass in mir.

Manchmal, angesichts all der Ungerechtigkeit und Folter und Zerstörung auf der Welt, will Hass in mir mit einem Schwung die Täter einfach vom Spielbrett fegen – es ist derselbe Hass, der Splitterbomben im Irak abwirft, Amok läuft und um sich schießt, der mordet, Terror schürt und Krieg beginnt. Der alles niedermacht, was ihm im Wege steht. Der buchstäblich die Hölle auf Erden erschafft. Seit Jahrhunderten schon, aber jetzt – im Zeitalter der Globalisierung und der Massenvernichtungswaffen – mit erdvernichtender Konsequenz. Es ist immer derselbe Hass, nicht einmal der gleiche, nein, derselbe. Ein Tropfen im Meer von Hass auf dieser Welt.

Wie oft war Hass in mir, im Alltag, den ich verdrängt habe, schon der Tropfen, der im kollektiven Unbewussten das Fass von Gewalt so weit gefüllt hat, dass auf einer anderen Seite der Erde ein einziger weiterer Tropfen es zum Überlaufen brachte? Wie oft war Hass in mir, den ich im Alltag verdrängt habe, schon beteiligt daran, teuflisches Gerät zu ersinnen, um Bomben zu bauen, Wale zu schlachten, Tiere zu quälen in „Laborversuchen“ und auch für Menschen Foltermethoden zu ersinnen und anzuwenden, auch wenn Liebe in mir all diese Dinge beweint?

Wie lebt es sich mit dieser Einsicht und Einfühlung in meine Macht, mit dem, was täglich in mir ist, Krieg und Gewalt zu nähren?

Der Hass, einmal erkannt, zeigt sich in seiner ganzen Schwere und in seinem ganzen Krampf. Er steckt in meinem Rücken, hinterm Herzen, bis hinauf zum Nacken, und hält dort krampfhaft fest in einem Panzer, der mir den Atem nimmt. Unter der Atemlosigkeit habe ich gelitten, seit ich denken kann. Den Krampf dahinter hab ich erst vor einiger Zeit entdeckt, und was den Krampf am Leben hält, fühle ich jetzt: Hass.

Mich selbst und andere hassen ist ein und dasselbe. Lange war all das hinter dem Schleier verborgen, der Bewusstes vom Unbewussten in mir trennt. Der Hass wiegt schwer wie tausend Mann auf mir, in mir. Spricht Schuld und verurteilt. Vergiftet alles. Er ist so schmerzhaft und so unbequem, dass ich ihn gern loswerden will; gleichzeitig fühlt es sich an, als stehe ich ohne ihn nackt da, entblößt, als sei er mein Gesicht, das ich wahren will, meine Kraft, die ich halten will.

Gleichzeitig das Wissen, dass Hass für all das verantwortlich ist, was ich mich sehne zu beenden, weil Liebe in mir das Paradies auf Erden ersehnt. Das Empfinden, dass es mit der Schöpfung, dieser Erde, die ein Paradies sein könnte, zu Ende ist, wenn ich ihn in mir weiterwüten, mich weiter von ihm mitreißen lasse. Da gibt es kein Gefühl von: Ach, wenn nicht alle mitmachen, bewirkt es ja doch keinen wirklichen Wandel auf der Welt. Kein Schielen, was die anderen machen, nein, es ist ganz klar: Wenn es in mir geht, geht es auch in anderen. Und wenn es in mir geschieht, geschieht es auch in anderen. Den Hass in mir beenden, ist ein machtvoller Schlüssel für die ganze Welt. Vielleicht, weil wir auf einer tiefen Ebene alle eins sind.

Liebe in mir, die leben will, bittet mich eindringlich: „Schau hin, spür hin. Ist es dir das wirklich wert? Erinnere dich: Wer bist du und warum bist du hier? Wie viele Leben hast du schon weggeworfen, dem Hass geopfert? Bisher ging es nur um das Leben, das du gerade lebtest, das war schon traurig genug. Aber jetzt, an diesem Punkt, wo die Zerstörung der Erde und die Verzerrung eures Innenlebens schon so weit fortgeschritten und globalisiert ist, geht es um Alles! Jede(r) einzelne, der in sich den Hass erlöst, zählt für viele. Es bleibt nicht mehr viel Zeit, Hass zu leben. In dieser Richtung ist der Untergang zum Greifen nah. Komm zu dir! Halte inne. Was willst du hier wirklich? Willst du um dieses Hasses willen, der dir nichts bringt außer Schmerz – einer Identität, die sich auf Schmerz gründet, dem Schmerz des Getrenntseins und des Verletzens und Verletztwerdens – willst du um dieses Hasses willen all das Wunderbare einfach wegwerfen, was durch dich leben will? All die Liebe, all die Schöpferkraft?“

Will ich das? Nein! Ich will ja LEBEN und LIEBEN! Hass will es nicht. Hass will einfach weiter wüten. „Mir doch egal! Leck mich doch am Arsch. Lass mich in Ruhe!“ ist alles was er sagt auf diese Frage der Liebe.

Ihm ist das Paradies egal, er kennt nur eins, weiter krampfen mit aller Macht, sonst ist es sein Tod. Denn wenn ich fühle, was ich tue, IST er nicht mehr. So hält er blind und taub die Sinne zu. Nicht stumm, Worte hat er immer. Heftige, wütende Worte. Hass hasst allen Hass und alle Liebe dieser Welt. Er macht keine Unterschiede, ebenso wenig wie wirkliche Liebe.

Ich sehe ihn überall und erkenne ihn überall wieder. Nicht immer zeigt er sich offen. Oft kommt er als Sarkasmus und Zynismus daher. Als schneidende Analyse. Als zoologisches Interesse. Wenn jemand mir auf dem Gehweg blind und brutal die Vorfahrt nimmt und es war nicht aus Versehen, dann spüre ich ihn, den Hass, und er springt auch in mir an. Wenn ich Zeitung lese und von den unglaublichen Frechheiten oder Blindheiten, die Politiker sich leisten – es ist mein Hass, der da wütet, und ihrer. Die Wahrnehmung, dass Hass in mir und anderen überall auf der Erde alles zerstört, alles was ich liebe an dieser Welt, Wälder, Tiere, Blumen, das Wasser, die Luft, rüttelt mich auf.

Wer bin ich?

Warum bin ich hier?

Was will ich hier auf dieser Welt?

In was für einer Welt will ich leben? Und bin ich bereit, die Welt zu SEIN, in der ich leben will?

Die Autorin, Petra Mecklenburg, lebt und arbeitet in Hamburg und Schneverdingen. Sie ist freie Übersetzerin, außerdem QHHT – Quantenheilhypnose-Begleiterin, Autorin und Heilpraktikerin für Psychotherapie.

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