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Therapie

„The Journey“ nach Brandon Bays – Mit Selbsthilfe zur inneren Freiheit gelangen

Im Jahr 2004 glich mein Leben einer Großbaustelle. Immer wenn ich mühsam eine Stelle gekittet hatte, brach es an einer anderen Stelle wieder ein. Wie hatte es dazu kommen können?

Mit einundzwanzig war ich meiner großen Liebe begegnet. Wir heirateten und bekamen fünf Kinder. Lange Zeit waren wir glücklich, bis mein Mann anfing, seine Persönlichkeit zu verändern. Das geschah erst schleichend, dann immer offensichtlicher. Es kamen Drogen und Alkohol dazu und das Leben mit ihm wurde unerträglich, er wurde immer unberechenbarer. Lange Zeit wollte ich es nicht wahrhaben, ich dachte immer, alles würde wieder gut werden. Aber das wurde es nicht, nein – es wurde immer schlimmer. Er entwickelte eine Psychose und so blieb mir nach 21 Jahren nur noch die Trennung. 1998 war ich alleinerziehend mit fünf traumatisierten, pubertierenden Teenagern. Das Leben war ein reiner Kampf ums Überleben. Bis mir dann 2004 das Buch von Brandon Bays in die Hände fiel: „The Journey, der Highway zur Seele“.

Ich wusste, wenn ich im Außen etwas verändern wollte, musste ich im Inneren anfangen.

Brandon erzählt in ihrem Buch von ihrer Tumorerkrankung, die sie mit Mitte 30 entwickelt hatte. Da sie sich zu diesem Zeitpunkt schon mit alternativen Heilmethoden beschäftigt hatte, beschloss sie, in Absprache mit ihrer Ärztin, ihre Gesundung selbst in die Hände zu nehmen. Sie stellte ihre Ernährung um und begab sich auf eine innere Reise. Letztendlich – so lernte sie – hielt der Tumor eine Botschaft bereit und als sie diese annehmen konnte, verschwand er.

Aus diesen eigenen Erfahrungen heraus entwickelte sie dann eine Methode, die ich für sehr effektiv halte. Auch mir war damals klar, dass eine herkömmliche Therapie mich nicht weiterbringen würde. Denn mein Verstand ist sehr trickreich und kann sich absolut alles ‚erklären‘. Bei der Journey aber geht es um Gefühle, und zwar besonders um lang verschüttete und verdrängte Gefühle.

Nachdem ich also das Buch gelesen hatte, wusste ich, dass dies eine Chance war, mein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Und wie es ‚der Zufall‘ so will, gab es kurze Zeit später das erste „Journey Intensive Seminar“ in Hamburg. Ich ging also hin. Und obwohl ich das Buch gelesen hatte und einigermaßen vorbereitet war, was auf mich zukommen würde, war ich komplett geschockt!

Bei einem Schauprozess, den Bettina, die deutsche Presenterin der Journey, mit einem jungen Mädchen unternahm, ging es darum, alle Gefühle einzuladen. Da kamen dann Einsamkeit, Verlassenheit u.a. Gefühle hoch. Bettina führte sie da durch und bei jedem Gefühl sagte sie: „Wunderbar, lade es ein und lasse es noch größer werden!“ Dann kamen Gefühle wie Verzweiflung und Wut. Tränen flossen und Bettina meinte immer noch, das wäre wunderbar. Ganz ehrlich, ich konnte es kaum aushalten! Was sollte an diesen miesen Gefühlen wunderbar sein?! Sollte man das Mädchen nicht lieber in den Arm nehmen und trösten?

Aber dann verstand ich: Hier entstand eine Gelegenheit allen, wirklich allen Gefühlen Raum zu geben, sie willkommen zu heißen und sie anzuerkennen. Die Gefühle nicht länger zu unterdrücken und zu bekämpfen, war ein Weg zur inneren Freiheit.

Als ich dann meinen ersten Prozess durchlief, war ich sehr aufgeregt. Ich erwartete das Auftauchen meines aktuellen Familiendramas, aber es kam eine kleine, längst vergessene Begebenheit aus meiner Kindheit, die allerdings eine Schlüsselrolle zu meinem Fühlen und Denken besaß.

Mein Vater war immer mein Held gewesen. Ich liebte ihn und liebe ihn immer noch von ganzem Herzen. Er ist sehr früh Vater geworden. Als er 21 war, wurde ich geboren, wenig später meine Schwester. Außerdem kümmerte er sich noch um die beiden Kinder meiner berufstätigen Tante.

Die Episode, die in der Journey auftauchte, verlief so: Wir machten in Dänemark Urlaub. Ich war ungefähr fünf Jahre alt. Wir verbrachten den Tag am Strand. Mein Vater stand auf und wollte spazieren gehen. Ich sah die Gelegenheit, mit ihm alleine zu sein. Also rannte ich hinter ihm her, schob meine Hand in seine, blickte zu ihm auf und fragte: „Freust du dich, dass ich mitkomme?“ Er freute sich nicht, sondern wollte endlich mal ein wenig Zeit für sich haben! Er antwortete also, dass er auch gern mal alleine spazieren gehe. Ein folgenschwerer Moment für das Kind, denn es schwor sich, niemals wieder jemandem seine Gefühle zu offenbaren!

Diese Episode am Strand führte dazu, dass ich meine Gefühle, besonders die negativen unterdrückte, was wiederum dazu führte, dass ich irgendwann auch die positiven Gefühle nicht mehr fühlen konnte. Das Leben wurde eintönig und grau.

In dem Journey Prozess lernte ich nun, alle Gefühle einzuladen und sie wieder zu spüren – auch die unangenehmen.

Später, in anderen Journey Prozessen, tauchte natürlich auch das Drama mit meinem Mann auf. Die ganze Palette an negativen Gefühlen – wie Wut, Schuld und Scham – durften sich endlich zeigen. Und ich bekam Ressourcen an die Hand, mit alldem besser umzugehen. Je mehr ich mein Inneres klären konnte, desto besser lief es auch im Außen. Es setzte eine Heilung auf allen Ebenen ein.

Wie funktioniert nun ein Journey Prozess? Klassisch gibt es die „Physical Journey“ und die „Emotinal Journey“.

Physical Journey: man sitzt mit geschlossenen Augen. Der Begleiter führt einen im Geiste eine Treppe hinunter. Man geht durch eine Tür und in sein eigenes Selbst, in sein strahlendes Licht. Dort begegnet man einem Mentor – das kann ein Schutzengel sein, ein/e Heilige/r, ein/e Meister/in. Es ist immer jemand, dem man selbst absolut vertraut und bei dem man sich sicher und geborgen fühlt.

Mit diesem Mentor oder Mentorin steigt man in ein Gefährt – das kann ein Raumschiff sein, eine Kutsche, vielleicht ein U Boot, oder irgendein anderes Fahrzeug. Dieses Fahrzeug bringt einen nun zu irgendeiner Stelle im Körper, wobei die Fahrt von der eigenen Körperweisheit gesteuert wird. Zusammen mit dem Mentor/in steigt man aus und schaut sich mit der Taschenlampe in der Hand um. Wo ist man gelandet? Dann geht man zu einer Stelle, die sich nicht ganz einfügt in das Gesamtbild, wo es anders aussieht. Dort stellt man sich hin und lässt alle Gefühle, die dort verborgen sind, aufsteigen und lässt sich von ihnen überfluten.

Dann schaut man mit den inneren Augen und fragt sich: „Wann habe ich mich schon einmal so gefühlt?“ Und während man sich das fragt, kommt in der Regel eine Erinnerung hoch. Diese Erinnerung projiziert man erst einmal auf eine Leinwand, die man dunkel werden lässt.

Und man visualisiert ein Lagerfeuer. Dieses Lagerfeuer repräsentiert das göttliche Licht. Während man zusammen mit dem Mentor an diesem Lagerfeuer sitzt, lässt man die ganze Szene auf der Leinwand abspielen. Dann kommt das jüngere Ich von der Leinwand ans Lagerfeuer. Man fragt es oder den Mentor, welche Ressourcen es damals gebraucht hätte. Antworten umfassen: Selbstwertgefühl, eine Vertrauensperson, Mut, eine Schutzhülle, usw.

Diese Ressourcen atmet man zusammen mit dem Kind in Form von Ballons ein und das Kind geht zurück in die Szene auf der Leinwand. Jetzt verändert sich das Erlebte in einer positiven Art und Weise, da das Kind Ressourcen hat, um anders zu reagieren oder die Situation anders zu erleben.

Danach kommt das Kind zurück ans Lagerfeuer und alle Personen, die in der Szene dabei waren, werden eingeladen. Das Kind hat jetzt die Möglichkeit, in der schützenden Gegenwart des Mentors und dem erwachsenen Ich alles auszusprechen, was es damals nicht sagen konnte. Man lässt das Gegenüber antworten, solange bis alles gesagt wurde.

In meinem Fall konnte ich erkennen, dass mein Papa einfach mal Zeit für sich haben wollte. Seine Reaktion hatte gar nichts mit mir zu tun, er hatte mich trotzdem lieb.

Am Ende der Journey steht ein Vergebungsprozess, in dem man der anderen Person von ganzem Herzen vergibt. Allerdings wird nicht das Tun oder die Tat vergeben, sondern man vergibt der Seele der anderen Person. Das wirkt sehr befreiend.

Bei der Emotional Journey ist es ähnlich. Allerdings startet man so, indem der Partner fragt, welches Gefühl anwesend ist und wo im Körper es gespürt werden kann. Man lädt das Gefühl ganz ein und lässt es größer werden, taucht in den Kern des Gefühls und schaut welches Gefühl darunter liegt. Das geht immer so weiter, bis bei irgendeinem Gefühl Personen auftauchen. Wenn man durch alle Gefühlsschichten durch ist, taucht man ein in eine himmlische Stille, in seine eigene Quelle. Das kann sich auch so anfühlen wie bedingungslose Liebe, Glückseligkeit, der Kern seines Wesens oder reines Sein.

Jetzt geht man zurück durch die einzelnen Gefühlsschichten und zu jeder Schicht spricht die Quelle. Ist man oben angekommen, findet auch hier ein Lagerfeuerprozess statt, zusammen mit der Person, die irgendwann aufgetaucht ist. Der Prozess ist derselbe wie bei der Physical Journey.

Nach meinen ersten Erfahrungen nutzte ich die Gelegenheit, kostenlos als Trainerin bei allen möglichen „Journey Intensive“ Seminaren dabei zu sein. Ein halbes Jahr nachdem Bettina das Intensive in Hamburg geleitet hatte, kam auch Brandon nach Hamburg. Nach und nach klärte sich mein Leben, es war zwar immer noch nicht einfach, aber ich hatte jetzt Ressourcen zu Verfügung, die ich vorher nicht hatte.

Ich hatte zwar schon damals als Tai Chi und Qi Gong Lehrerin gearbeitet, bekam aber immer noch Hartz 4. Darauf konnte ich dann irgendwann verzichten. Ich machte eine Ausbildung als Journey Practitioner, später kam noch die Heilpraktiker Ausbildung dazu.

Das Geniale an dieser Arbeit ist, dass das Unterbewusstsein des Klienten die Reise bestimmt. Ich als Therapeutin bin „nur“ Reisebegleiterin.

Dadurch kommen wirklich nur die Dinge an die Oberfläche, die der Klient auch verkraften kann. Und so werden nach und nach die Schichten abgetragen, die einen bisher daran hinderten, ein freies und gesundes Leben zu führen.

Neben einer „Physical Journey“ und einer „Emotional Journey“, gibt es auch Prozesse, in denen alte Glaubenssätze aufgedeckt und erlöst werden. Dabei handelt es sich oft um Sätze, die in der Familie prägend waren. Zum Beispiel: „Ohne Fleiß keinen Preis“ oder alte Schwüre: „Ich werde mich niemals wieder verlieben!“ Oder Allgemeinsätze: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in den Himmel kommt.“ Das sind Sätze, die einem oft nicht bewusst sind, die aber trotzdem wirken.

Man kann nach dem Buch von Brandon bereits selbst eine Journey machen, aber es ist besonders bei schwerwiegenden Problemen ratsamer, einen erfahrenen Practitioner aufzusuchen. Besonders gut lässt sich mit Kindern arbeiten, da Kinder noch sehr offen sind und viel Fantasie besitzen. Sie haben dann zum Beispiel Harry Potter als Mentor oder einen anderen Helden ihrer Kindheit. Kinder brauchen oft nur eine ¾ Stunde für eine Journey, während Erwachsene manchmal bis zu drei Stunden brauchen.

Die Journey verschafft Zugang zu den zutiefst verborgenen Zellerinnerungen, um dort Blockaden aufzudecken und aufzulösen und somit einen Befreiungsprozess in Gang zu setzen. Es ist eine Selbstentdeckungsreise, die von der eigenen Körperweisheit gesteuert wird. Sie ist in der Lage, einen von altem Ballast zu befreien und so neue Energie freizusetzen, die einem vorher nicht zur Verfügung stand.

Die Autorin, Katrin Ripa, unterrichtet seit 1994 Tai Chi und Qi Gong. Ausgebildungen bei Meister Zhi chang Li im stillen Qi Gong, bei Liu Han When und Ma Jiang Xue Ying im Chan Mi Qi Gong, dem Wirbelsäulen Qi Gong.

Ausbildungen: „Humanistischen Heilerin“ an der Nei jing Schule Spanien, plus Tuina Massage, von 2004 bis 2008 zum „Journey Practitioner“, Quantenheilung bei Dr. Frank Kinslow und Dr. Jörg Tacke, Craniosacraltherapie bei Ulrike Tellkamp. Seit 2011 Heilpraktikerin mit eigener Praxis in Hamburg. Katrin ist außerdem Künstlerin und in verschiedene Kunstprojekte involviert.

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