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Artikel Bewegung

Tanzen für Gott – Fragen an eine zeitgenössische Tempeltänzerin

Liebe Paramjyoti, dein Film „Im Spiegel des Augenblicks“ thematisiert ‚Tanzen für Gott‘. Bist du eine zeitgenössische Tempeltänzerin? und wenn ja, wie kam es dazu?

Devadasi – Tanz des Herzens“ nenne ich meine Arbeit. Devadasi bezieht sich auf die alte Tradition des Tempeltanzes. Wobei ich mich nicht dem Studium heutzutage bestehender indisch klassischer Tanzstile zuwende, sondern dem Erforschen der ursprünglichen Inspiration zur Bewegung. Entsprechend tanze und unterrichte ich überwiegend, den Tanz direkt aus dem Herzen entspringen zu lassen, aus dem Moment, ohne Choreographie.

Das Herz ist für mich das kleinste Haus Gottes.

Was bedeutet „Gott“ für Dich? Ich nehme wahr, dass Menschen ganz individuelle und ihnen gemäße Vorstellungen haben, was Gott sein oder nicht sein könnte. Der eine hat das Bild von einer großen kosmischen Intelligenz und Ordnung, die er/sie wahrnimmt, jemand anderes bemerkt eine hinter allem wirkenden Kraft, wieder ein anderer nähert sich dem Unfassbaren mit den Worten „das große NICHTS“. Allen gemein scheint zu sein, dass der Mensch mit „Gott“ große, umfassende, kraftvolle und edle Werte verbindet, und dass das „sich Gott zuwenden“ in ihm/ihr diese noblen Werte aktiviert. Die Frage: „Was bedeutet Gott für Dich“, und auch die, ob Du Dich im Tanz und im Leben aus der Verbundenheit mit dem bewegst, was Dir am Liebsten ist, ergründe ich, wenn ich tanze oder unterrichte.

Nach meiner vierjährigen Ausbildung zur modernen Bühnentänzerin habe ich weitere vier Jahre gesucht, um einen Ausdruck im Tanz zu finden, der mir entspricht. Mein Interesse galt dabei vor allem dem, was innerlich geschieht. Sozusagen auf geistiger oder energetischer Ebene. Ich habe mich wegbewegt von der Perfektion der Form. Der spontane unmittelbare Ausdruck in aller Ehrlichkeit mit mir selbst und dem was ist, interessiert mich. Wenn ich für Menschen tanze, dann erfahre ich oft, wie mein Körper getanzt wird. Bewegungsabläufe und geistige Einsichten kommen mir zu. So verbunden zu sein mit dieser mich nährenden Kraft, die über mein individuelles Bewusstsein hinaus geht, berührt mich jedesmal aufs Neue.

Was heißt Gott für dich?

Ich bin jemand, der das Nichtbenennbare am liebsten unbenannt lässt. Der darum weiß, es jedoch nicht versucht, in eine Form zu gießen. Der vielmehr sämtliche Formen, die in diesem Unbegrenzten auftauchen, tanzt. Man könnte mich wohl am ehesten zu den Mystikern zählen. Advaita (Nicht-Dualismus) ist mir sehr nah, wobei ich ebenso ein Bhakta (eine Gott als ein „Du“ verehrende Seele) bin.

Entsprechend spielen und tanzen die Bilder, Bezüge und Gefühle, die jeweils mit den verschieden geistigen Gesinnungen einhergehen, hin zu „dem Göttlichen“. Mal ist es der Vater, mal die Mutter – vor allem jedoch der Geliebte. Ich bin in Verehrung mit ihm, im Liebesspiel und im nächsten Moment taucht wieder alles Wahrgenommene und auch alle Gottesbilder auf in mir, dem ICH BIN.

Was mich tief berührt hat, war ein von Sally Kempton (Vijnana Bhairava Tantra) gesprochener Satz, im Sinne von: Es gibt nichts. Absolut nichts. Nur Gott.

Das Leben ist eine Einladung, mich diesem nichtgreifbaren Unendlichen mehr und mehr zu öffnen und diesen heiligen Geist in mir und durch mich wirken zu lassen. Es ist eine Einladung auf eine weite Reise.

Bist du Teil einer speziellen Tradition?

Nein. Meine Lehrer waren und sind vor allem solche, die keine Tradition repräsentieren und wenn doch, so führen sie mich dennoch auf dem weglosen Pfad. Für mich lässt sich das Universelle nicht in EINER Form ausdrücken. Vielmehr bin ich hineingeworfen in einen Urwald haltloser Nichttradition und bin aufgefordert, mich dem großen Nichtwissen anzuvertrauen.

The Ground of Unknowing where the Rose Always Blooms“ Rumi

Ich bin das, was zwischen den Religionen schwingt. Was kommuniziert und Brücken baut. Im Dialog zwischen den einzelnen Bewegungen erkenne ich einen Juwel. Ich liebe das Mich-Verbinden mit den jeweiligen Traditionen, ihren Ritualen, Symbolen und Geschichten. Es ist für mich wie das Hindurchgehen durch geistige Tore, die neue Räume eröffnen. Ich liebe die Vielfalt der verschiedenen Gärten und das auf so viele Arten immer wieder neu erlebte – Eintauchen in die unser Herz und Wesen belebende, allem zugrundeliegende, gleiche Essenz. Ich liebe es, Menschen in diese innere Erfahrung mitzunehmen und sie untereinander, völker- und religionsübergreifend zu verbinden.

Wie verwebt sich das mit dem Tanz?

Ich habe verschiedene Schulungen und Einweihungen erleben dürfen. Dazu gehörten die Tanzakademie, Körper-, Geist- und Bewusstseinsarbeit, Schamanismus, und das Dienen im hinduistischen Tempel als Pujaree (Priesterin).

Überall habe ich etwas gelernt über das Leben, den Geist und den Tanz. Entsprechend der Position der Priesterin ist es meine Aufgabe als Tänzerin, mich innerlich zu verbinden mit meinem Herzen, um von hier aus dem Göttlichen zu dienen. Gleichzeitig ist da eine Gruppe von Menschen, die auch in diese Verbindung treten möchte. Ich nehme wahr, was im Raum präsent ist, integriere es in meine innere Ausrichtung und äußere Handlung. Im Fall der Tänzerin ist das der Tanz. Was ich da empfange „bringe ich dar“. Das bedeutet, dass ich dem Wahrgenommenen gedanklich mit einer wohlwollenden Intention begegne und ihm damit feinstofflich eine Richtung und Aufwind verleihe.

Am Sichtbarsten wird das, wenn ich für einen einzelnen Menschen tanze. Dann stehe ich leer vor dem/der Jeweiligen. Das, was energetisch präsent ist, nimmt Form und Gestalt an im Tanz und dient dem Betanzten als Spiegel. Einige sprechen davon, dass sie Heilung erfahren haben durch den Tanz. Das liegt dann ganz bestimmt daran, wie offen und empfänglich der/die Betroffene dafür war.

Außerdem waren es die Momente, an denen ich nicht weiter wusste, die mich mit tiefgründiger Inspiration beschenkten. In diesem Sinne unterweise ich Seminarteilnehmer und Tanzschüler, sich einzulassen auf das „nicht wissen, was als nächstes kommt“. Wir praktizieren, so aufrichtig wie möglich, uns dem inneren Lauschen zu widmen und den aufsteigenden Impulsen so authentisch wie möglich zu begegnen. Ist geistig seelisch einmal erkannt, was ich nicht bin, und erahnt, was ich wirklich bin, – und wurde die Freude und Kraft einmal erfahren, die daraus erwächst, wenn ich mit diesem Thema oder jener Energie als Tanzpartner getanzt habe, – wächst der Mut und die unerschütterliche Zuversicht, auf jeden Fall die Hingabe an den Tanz und das Leben.

Warum ein Film?

Als ich vor vielen Jahren in Indien einen alten Mann sah, der sich verschmitzt meine Fußglöckchen schnappte und kaum mehr gehen könnend, sich rhythmisch ekstatisch um seinen Gehstock bewegte – ungeachtet dem Verfall seines Körpers, verzückt, in scheinbar grundloser Seligkeit badend, entsprang der Wunsch, dieses und weitere mich tief berührende Bilder meiner Reisen mit möglichst vielen Menschen teilen zu wollen. Mit diesem Wunsch kam auch die Idee, dass Film das Medium dafür würde, um nebst meinen Tanzdarbietungen, Workshops und Reisen ein erweitertes Publikum erreichen zu können.

Hand in Hand mit dieser Inspiration geht mein Bedürfnis, meinen Beitrag zum Lüften eines Missverständnisses an die Welt unserer heutigen Zeit zu geben, nämlich, dass Tempeltanz und Devadasi kein Synonym für Tempelprostitution sind. Mein Anliegen mit dem Film ist es, einen möglichen heilen Ausdruck zeitgenössischen Tempeltanzes zu geben, und damit die ursprüngliche Intention und das Wesen des Tempeltanzes aufzuzeigen, über kulturelle oder religiöse Begrenzungen hinaus.

Lassen sich ‚göttliche Momente‘ einfangen und festhalten?

Ich kam regelmäßig an meine Grenzen während der Dreharbeiten. Vor allem in der Türkei, als wir eingeladen waren, ein Semaritual (Gruppen Drehtanz Gebet) drehen zu dürfen. Ich kannte die Gruppe und wusste, was in so einer Versammlung möglich ist. So ersuchte ich zum Beispiel, die Träne eines Derwischs mit der Kamera festzuhalten. Eine Träne, die ich kenne, obgleich ist sie noch nicht geweint habe. Eine Träne gänzlich frei jeglicher Anhaftung an etwas Irdisches. Ich versprach mir, über diese Symbolik, die Energie, die hinter dem metaphorischen Bild liegt, die geistige Dimension der Liebe eines Gottgeweihten und seine innere Nähe zum Absoluten sichtbar machen zu können. Doch oh weh. Weder tauchte der besagte Freund, in dessen Gesicht und Gebet ich diese Träne schon ab und an bezeugen durfte, in den 30 Minuten auf, die uns zum Filmen gegeben waren, noch schien es mir verwehrt, selbst in die Tiefen und Höhen innerer Bewusstseinszustände eintauchen zu können, wenn ich gleichzeitig den Hut der Regisseurin auf behalten wollte.

Oftmals fand ein Ringen statt: Erst suchte ich im Innern, dann im Äußeren Bilder und Szenen, von denen ich meinte, sie könnten dieses „Göttliche“ zum Ausdruck bringen. Dann wiederum überraschte uns das Leben mit Situationen bezaubernder Schönheit und atemberaubender Genialität, auf die wir aus uns heraus nie hätten kommen können. So zum Beispiel am Anfang des Filmes der Tanz mit dem weißen Pferd, dessen Magie sich kaum ein Zuschauer entziehen kann.

Meine höchste Absicht mit dem Film ist es, im Zuschauer ein „Sehen“ zu bewirken, des ihm/ihr Heiligen, Liebsten und Wertvollsten.

Die Fragen stellte Kathrin / just-be.life

Paramjyoti C. Stieber ist diplomierte Bühnentänzerin. In 2002 gründete sie ‚Tanz des Herzens‘. Sieben Jahre lebte sie über lange Zeiträume in Indien. In den letzten zwölf Jahren tanzte und unterrichtete sie in über 20 Ländern. Das Brückenschlagen zwischen unterschiedlichen Kulturen, spirituellen Bewegungen, Menschenherzen und zwischen dem Mensch und seinem Ursprung ist ihr ein tiefes Anliegen.

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