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Artikel Körperarbeit

Facetten der Berührbarkeit – leicht und lebendig.

Katzen sind Berührbarkeit in Person. Sie schnurren, als würden sie bis zum Weltenende Berührung brauchen, als wären sie ewig berührbar. Doch dann machen sie sich aus dem Staub – würdevoll oder leicht gereizt.

Das deutet auf ein Grundprinzip hin: nichts ist beständig. Auch Berührbarkeit nicht.

Was mich berührt

Im Kino brauche ich Taschentücher. Bei „ziemlich beste Freunde“ brauchte ich zwei Sorten – eine fürs Berührtsein, eine für die Lachtränen.

Beim Buch „Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky war mein Kopfkissen durchnässt.

Das Musikstück (YouTube) „Ask the Mountains“ von Vangelis sprach ohne Umweg mein Herz an. Ich war, ich war…habe keine passenden Worte.

„Meinem“ Zenmeister Ludger Tenryu Tenbreul zuzuhören bedeutet, ab und zu unauffällig ein Taschentuch aus dem Ärmel zu ziehen. Ich liebe sein humorvolles Mitgefühl für unsere alltäglichen Dramen.

Und mir fällt noch was ein: das kleine Blatt einer Blume. Ich sah mir die winzigen, verästelnden Adern genauer an – unscheinbar, wunderschön. Ein Miniatur-Meisterwerk. Ausgewachsenes Berührtsein!

Berührt sein durch körperliche Berührung

In Seminaren – wenn ich jemanden körperlich berühre und relativ gewahr bin, entsteht zuweilen das Gefühl, mit diesem Menschen vertraut zu sein. Plötzlich öffnet sich eine Verbindung. In diesem Moment bin ich berührt.

Es berührt mich besonders, wenn ich vorher wenig Lust hatte, ausgerechnet diesem Menschen nahe zu kommen.

Ich kann Berührtsein nicht planen, erwarten oder erzeugen. So funktioniert das nicht Es überkommt mich – oder nicht. Es überrascht mich. Immer aufs Neue.

Es überrascht mich am liebsten, wenn während des Berührens oder Berührtwerdens der übliche innere Lärm allmählich immer ruhiger geworden ist, wenn in die Lärmlücken erste Entspannung hineingeflossen ist. Und dann…

wenn dann Stille im Vordergrund ist, hat sich meine Denkwelt in eine Seinswelt gewandelt. Die Seinswelt ist gleichzeitig auch eine spezielle Welt der Berührbarkeit. Wie ein scheues Reh lässt sie sich mal sehen, mal nicht.

Unterschiedliche Qualitäten von Berührtsein

Als ich mit der Betrachtung über Berührbarkeit fertig war, stellte sich nicht das satte Gefühl von „und er sah, dass es gut war“ ein. Es fehlt noch was. Die Berührtsein-Tränen im Kino sind etwas anderes als das stille, tiefe Berührtsein, das ich bei leiser körperlicher Berührung erlebe.

Das eine ist eher eine Art mitfühlender Reflex, dass andere eine Art zarte Freude, einer anderen Art von Realität näher gekommen zu sein, ein Zustand, der eigentlich unser zu Hause ist.

In beiden Fällen bin ich berührt, und doch sind es unterschiedliche Qualitäten des Berührtseins. Wobei das eine nicht besser ist als das andere, nur anders. Das eine passt hierhin, das andere passt dahin. Mal Rock, mal Klassik.

Was ist Berührtsein?

Für mich sind alle Arten von Berührtsein wohltuend und verbindend. Wobei die verbindende Wirkung in einer unmittelbaren Begegnung größer ist als bei einem berührenden Kinofilm.

Das Gefühl von Verbundenheit ist für Menschen wichtig. Das wird deutlich, wenn wir das Gegenteil anschauen: das Gefühl getrennt oder außen vor sein – sei es durch Mobbing, Verlassen werden oder Vereinsamung. Dieses Gefühl ist verbunden mit Angst, Anspannung und seelischen Schmerz.

Berührtsein ist Teilnehmen und Teilhabe. Es ist eine Form von Verbindung. Berührtsein erlöst uns vom Gefühl getrennt zu sein – Spannungen lösen sich.

Ich glaube, wir suchen mehr oder weniger bewusst nach berührenden Momenten. Berührtsein ist verwandt mit Geborgenheit. Beide dienen unserer Entspannung

Im Moment des Berührtseins berührt mich das Leben selbst. Die Welt innen und außen verbindet sich. Das bedeutet, dass ich vorher getrennt gewesen sein muss. Wodurch? Durch Denken. Es überlagerte meine Wahrnehmung.

Berührtsein ist stärker als unsere Denk-Beschallung. Jedenfalls für einen – manchmal kleinen – Moment.

Berührtsein ist ein spontanes Gefühl. Es will nicht beeindrucken. Es ist ein unmittelbares, öffnendes Erleben. Berührt zu sein bedeutet gleichzeitig, frei zu sein von inneren Bewertungen, frei von Absicht und Kalkulation.

Berührt sein in unmittelbarer Begegnung

Wenn wir in unmittelbarer Begegnung berührbar sind, wirkt sich das auf die Lebensqualität im sozialen Gefüge aus – das gilt auch für vorübergehende soziale Verbindungen wie in Seminaren.

Wenn wir in unmittelbarer Begegnung berührbar sind, entsteht soziale Entspannung. Aus sozialer Entspannung entsteht eine Atmosphäre, in der wir spontan körperlich und geistig entspannen. Unsere Lebendigkeit beginnt zu fließen. Wir werden natürlich, gelassen und nehmen Anteil.

Man sollte nicht zu ehrgeizig sein

Man kann nicht immer berührbar sein. Man kann es auch nicht erzwingen. Gute Voraussetzungen dafür schaffen, das geht.

Wenn ich meine Voreingenommenheit, meine Urteile registriere, schwindet die Kraft von trennenden Urteilen. Dann kann ursprüngliche Verbundenheit auftauchen. Auf diesem Feld können mich Menschen und Dinge berühren.

Dazu gibt es den Zensatz: „Den Dingen und Wesen ihr Licht zurückgegeben“.

Der Autor, Hubert Ehlert, wohnt in Hamburg. Bereits 1992 nahm er teil bei Meeting People-Veranstaltungen mit Gerda Boyesen (Therapie-Pionierin) und Peter Bergholz (Dynamische Entspannung). Dem folgte die Ausbildung in der Dynamischen Entspannung. Hubert gründete 2001 sein eigenes Format ‚Leicht & Lebendig‘, das in Hamburg und auch in anderen Bundesländern zur mitmenschlichen Berührbarkeit einlädt.

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