LOADING

Type to search

Artikel Bewusstsein

„Gott und Schöpfung, Leerheit und Form, Urgrund und Phänomene sind nicht voneinander zu trennen.“ Pyar

Liebe Pyar, du bist seit vielen Jahren eine anerkannte spirituelle Lehrerin, die regelmäßig auch nach Hamburg kommt. Was lehrst du?

Ich habe mehrere Herzensanliegen:

An erster Stelle steht mein Wunsch, dass wir alle glücklich sind, und zwar unabhängig von äußeren Gegebenheiten, denn Klarheit, Freude und Liebe sind unsere Natur – nur leider oft verdeckt durch Schleier und Nebel des Nicht-Wissens und Nicht-Gewahrseins.

Daraus ergeben sich meine weiteren Anliegen: Seit zwanzig Jahren konnte ich mehreren Tausend Menschen Verständnis und direkte Einsicht in die Wirklichkeit der letztendlichen Dimension und der relativen Dimension des Seins vermitteln. Ich lehre dazu Meditation und Achtsamkeit, aber auch die Wertschätzung des Guten und Schönen in jedem von uns und die Freude an der Kreativität des menschlichen Seins. Weitere wichtige Aspekte sind das Erkennen und Leben unserer wechselseitigen Bezogenheit.

Du giltst als bodenständig. Was ist damit gemeint? Was ist das Besondere an deinem »Weg«?

Ja, mir ist das Praktische sehr wichtig. Warum? Weil Gott und Schöpfung, Leerheit und Form, Urgrund und Phänomene nicht voneinander zu trennen sind. Daher ist es immens wichtig, gerade wenn ein Mensch mystische Erfahrungen und Einsichten gewinnt, dass man die Bodenhaftung im ganz Irdischen nicht verliert. Jedes Wesen ist ein vollgültiger Ausdruck des Göttlichen und dazu aufgerufen das zu erkennen und im Leben zu verwirklichen. Das braucht meines Erachtens Bodenständigkeit.

Du lehrst seit einiger Zeit Dzogchen. Was heißt das?

Dzogchen ist ein tibetisches Wort und bedeutet Vollkommenheit. Es ist eine sehr tiefgehende Tradition des tibetischen Buddhismus. Sie hat zwei Wurzeln: Die eine liegt in der vorbuddhistischen schamanischen Bön-Tradition Tibets. Die andere hat eine wunderschöne Geschichte: Der Bodhisattva der Klarheit und Reinigung – Vajrasattva – übermittelte die Dzogchen-Lehre direkt an einen Mann namens Garab Dorje. Daher ist der Aspekt der Reinigung unseres Geistes auch sehr wichtig im Dzogchen. Vajrasattva ist einer meiner Lieblingsbodhisattvas. Wir alle können Reinigung immer brauchen, und er hilft uns dabei. Für mich sind alle Müll-Fahrer und auch Müllautos, Putzfrauen, Tellerwäscher und auch Geschirrspülmaschinen, Straßenkehrer und auch ich selbst beim Zähneputzen Verkörperungen dieses Bodhisattvas. So hat man täglich viele Gelegenheiten ihn zu grüßen und sich mit dieser Kraft zu verbinden.

Zurück zu Garab Dorje. Er hinterließ für seine Schüler ein Testament, das aus nur drei Sätzen besteht, die aber eigentlich das ganze Dzogchen beinhalten: 1. Die direkte Einführung in die wahre Natur des Wirklichkeit und das Geistes durch den Meister/die Meisterin. 2. Der Umgang mit und die Beseitigung von Zweifeln. 3. Dabei bleiben und integrieren.

  • Dzogchen Punkt 1. Die direkte Einführung in die wahre Natur des Geistes durch den Meister, die Meisterin. Warum braucht es den/die?

Do-it-yourself-Anleitungen sind heutzutage sehr beliebt und sicherlich auch an manchen Stellen sinnvoll. Aber es gibt einiges sehr Wertvolles, das immer schon und auch heute einer direkten persönlichen Einführung und Übermittlung bedarf und nur durch die Übermittlung durch einen anderen lebendigen Menschen, der in einer Meisterschaft desselben steht, selbst Kraft und Leben gewinnt. Das ist schon so beim Erlernen eines Musikinstrumentes, auch beim Tanzen-Lernen, überhaupt bei vielen wunderbaren Dingen der menschlichen Kultur. Und es ist ganz sicher so bei dieser ungemein tiefen Ebene unseres Seins.

Kann jede/r erwachen? Reicht Erkenntnis aus, um zu erwachen? Oder was bedarf es noch?

Jede/r wird erwachen, nur wann – ob in diesem Leben oder erst später – ist nicht vorhersagbar. Erkenntnis, die eine rein intellektuelle ist, reicht bei weitem nicht aus. Direktes Erfahren ist die Grundlage für alles Weitere – nämlich die Integration und Verwurzelung in DEM.

  • Dzogchen Punkt 2. Der Umgang mit und die Beseitigung von Zweifeln, die immer auftauchen. Wer zweifelt? Und wie können jahrzehntelange Identifikationen aufgelöst werden?

Wir alle zweifeln immer wieder! Das gehört dazu und ist unvermeidlich. Zweifel ist sogar wichtig, denn jedes Mal wenn es gelingt einen Zweifel auszuräumen wird die Gewissheit größer!

Du hast Recht, aufgrund des jahrzehntelangen Bestehens vieler Identifikationen braucht ihre Auflösung viel Geduld. Deshalb ist auch Punkt zwei des Testaments von Garab Dorje der aufwändigste. Wir haben so viele falsche Gedanken millionenfach immer wieder gedacht und sie so sehr gut eingeübt. Wenn wir jetzt eine neue Erkenntnis erfahren, dann müssen wir das, was wir jetzt als richtiger und heilsamer kennengelernt haben (z.B. Gewahrsein, Achtsamkeit, Gewissheit der Beständigkeit des Urgrunds und Gewissheit der Unbeständigkeit aller Phänomene…), ebenso oft üben und denken. So werden neue Verbindungen im Geist geschaffen – das nennt man Lernen Auf diese Art lösen sich alte falsche Identifikationen im Laufe der Zeit auf und weichen neuer Weisheit, neuer Freude, neuer Zugewandtheit.

Ist Erwachen der Anfang oder das Ende von etwas?

Beides! Es ist das Ende der Ungewissheit und des Suchens. Und es ist der Anfang des Integrierens, des Tiefer-Gehens, des Verwirklichens. Und da wiederum gibt es kein Ende.

Was bedeutet es, ein spirituelles Leben zu führen?

Ein spirituelles Leben umfasst genau die drei oben erwähnten Punkte Garab Dorjes. Die Basis ist immer wieder die Sicht aus der klaren Natur des Geistes, ist das immer wieder und wieder dahin zurückkehren. Dieser erste Punkt und auch die anderen beiden sind nicht einmalig, sondern mehr wie die Schritte beim Tanzen eines Walzers, der ja auch mehr als einen Takt hat: 1-2-3; 1-2-3; 1-2-3… Punkt zwei, der Umgang mit Zweifeln und Widrigkeiten, die ja alle Ebenen unseres menschlichen Daseins betreffen können – also Beziehungen, Arbeit, Gesundheit und Krankheit, Seelenleben und Geisteswelt… Auch da immer wieder die Gewissheit des Urgrundes in seiner Klarheit, Beständigkeit, Offenheit und Freudigkeit finden. Wieder und wieder alles – sei es angenehm oder unangenehm – als momentanen flüchtigen aber durchaus realen Ausdruck der offenen Weite erkennen. Und Punkt drei: all das wieder und wieder ins tägliche Leben bringen. Wieder und wieder unser ganzes Leben in das Große hinein integrieren.

Bücher von Pyar: Reise ins Nichts / Poesie der Stille, Tanz des Lebens / Hütet das Feuer / Bodhichitta – das erwachte Herz / WIR – Wege zur Verbundenheit

Die Fragen stellte Kathrin /  just-be.life

Pyar Troll-Rauch (auf Sanskrit “Liebe”) lebt in München. Sie ist praktische Ärztin mit dem Schwerpunkt Homöopathie und Akupunktur in eigener Praxis. Ihre Suche nach Wahrheit führte sie zu Samarpan. Seit 1999 vermittelt Pyar ihr spirituelles Wissen und ihre Erfahrung in der Form des Satsang (Sanskrit: Begegnung in/mit Wahrheit) und in mehrtägigen Retreats und Intensiv-Satsangs im gesamten deutschsprachigen Raum. Dabei greift sie oft auf die Mystik vieler Traditionen des Ostens und Westens zurück.

Tags

You Might also Like