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Artikel Lebensfragen

Hör mir doch mal zu! Worte können Mauern sein – oder aber Fenster

In unserem Alltag reden wir oft aneinander vorbei. Damit stellt sich eine undefinierbare Unzufriedenheit ein. Überdecken wir diese mit Ärger, der sich gegen den anderen richtet, wird alles nur noch schlimmer. Wie aber kommen wir da wieder raus?

„Glückliche Paare sind eine Keimzelle für Frieden in der Welt“, erklärte mir meine Ausbilderin vor einigen Jahren, kurz vor meiner Heirat. Damals war dieser Gedanke für mich neu, aber bewirkte, dass ich mich seitdem für friedvolle Paarbeziehungen einsetze. Diese Idee findet sich auch in einem Indianer-Gedicht wieder, das so beginnt: „Der erste Friede, und der wichtigste, ist der, welcher in die Seele des Menschen einzieht. Das ist der wirkliche Friede. Alle anderen sind lediglich Spiegelungen davon. Der zweite Friede ist der, welcher zwischen Einzelnen geschlossen wird. Und der Dritte ist der zwischen Völkern. …“

Innere Balance als Basis für gute Beziehungen

Sind wir also in Balance mit uns selbst und sorgen gut für unseren eigenen inneren Frieden, überträgt sich dies möglicherweise auf unser Umfeld und sogar darüber hinaus in die Welt. Soweit die Hoffnung. Aber wie machen wir das? Wie können wir im eigenen Herzen und in der eigenen Beziehung Frieden finden, wenn doch der Alltag so viel von uns fordert und so wenig Zeit für uns selbst und dem Miteinander bleibt? Was, wenn mein Partner andere Meinungen hat, andere Dinge bevorzugt, wir nicht mal in Ruhe miteinander sprechen können? Wenn wir zwar sprechen, uns aber immer wieder in Missverständnissen verirren? Wie kommen wir wieder in einen wohlwollenden Kontakt miteinander?

Notfall-Maßnahme: ein tiefer Atemzug durch die Nase

Eine tiefe, bewusste Atmung bringt uns schnell zurück in Kontakt mit uns selbst. Wenn wir dabei durch die Nase atmen und den Mund zumachen, sagen wir erstmal nichts, was wir später bereuen… Außerdem erzeugt die Atmung eine kleine Lücke zwischen Reiz und Reaktion. In dieser Lücke liegt die Freiheit, sagt der Wiener Psychologe Victor Frankl. Diese Entscheidungsfreiheit, wie wir wirklich reagieren wollen, ist ein kostbarer Moment. In diesem winzigen Moment kann ich mich auf mich selber besinnen, mir mein wirkliches Anliegen ins Bewusstsein holen und mich entscheiden, ob ich auf der üblichen Spur des Schlagabtausches weitermachen oder etwas Neues probieren will. Und es ist eine Chance, das Gespräch zu verlangsamen und wieder bewusster zu gestalten.

Rückbesinnung auf ein wertvolles zwischenmenschliches Gut: Empathie und Verbindung

Die Fähigkeit zur Empathie besitzen wir schon als Kleinkind. Bevor wir sie durch Sprache ausdrücken können, haben wir bereits die Fähigkeit, uns in ein Gegenüber hineinzuversetzen und mitzufühlen, was beim anderen los ist. Und auch die Selbstempathie ist früh entwickelt. Kleinkinder sprechen beispielsweise mit ihrem Schmuseteddy über ihre Gefühle.

In der wertschätzenden Kommunikation besinnen wir uns auf diese Fähigkeit der Empathie mit uns selbst und mit anderen als eine wertvolle Ressource. M.B. Rosenberg, der Begründer der Gewaltfreien Kommunikation (GFK), benennt die Empathiefähigkeit als einen entscheidenden Aspekt dafür, wie wir mit Konflikten umgehen und diese auflösen können.

Selbstempathie bedeutet, sich einen Moment Zeit zu nehmen und mit einer wohlwollenden inneren Haltung auf die eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu schauen. Wenn wir realisieren, dass wir unangenehme Gefühle haben, weil bestimmte Bedürfnisse – wie z.B. gehört werden, verbunden sein oder dazugehören –  nicht ausreichend erfüllt sind, kommen wir gleichzeitig mehr mit uns selbst in Verbindung. Genau hier liegt die Chance, die Ursache der unangenehmen Gefühle nicht beim Gegenüber zu suchen, sondern in uns selbst zu erkennen: in unseren unerfüllten Bedürfnissen.

Durch eine kleine „Ursachenforschung“ entlasten wir unsere Beziehungen.

Statt im Vorwurf „Ich bin traurig, weil Du nicht mit mir redest“ zu stecken und sich immer weiter im Labyrinth von Konflikten zu verlaufen, übernehmen wir mit der Aussage „Ich bin traurig, weil mir Verständnis fehlt“ selbst die Verantwortung für unsere Gefühle, die aufgrund unerfüllter Bedürfnisse entstanden sind.

Zwar gibt es im Außen immer noch diesen Anlass, der uns nicht gefällt – jemand redet nicht mit uns – allerdings de-eskalieren wir die Situation durch die bedürfnisorientierte Sprache. Allein indem wir von unseren eigenen Bedürfnissen sprechen, und den anderen nicht dafür verantwortlich machen, dass sie erfüllt werden, entsteht eine Entlastung des Konflikts. Das braucht ein bisschen Übung, wie jeder neue Schritt, aber es lohnt sich.

Typische Kommentare von Paaren, die sich in Beziehungsprobleme verstrickt haben

  • Ich höre nur noch Anschuldigungen
  • Ich verstehe Dich einfach nicht
  • Ich weiß nicht mehr, wie ich mich verständlich machen kann
  • Wir rutschen so schnell in einen Schlagabtausch, dass ich gar nicht mehr weiß, wie es eigentlich angefangen hat
  • Wir haben ein massives Kommunikationsproblem
  • Wir reden aneinander vorbei
  • Wir reden jetzt gar nicht mehr miteinander

Und jetzt? Kommunikation ist offenbar ein entscheidender Punkt in Beziehungen.

Ich kenn Dich doch! – Kommunizieren geht beim Zuhören los.

In Partnerschaften lernen wir einen Menschen zumeist gut kennen. Oder vielmehr denken wir, den anderen gut zu kennen. Es braucht viel Aufmerksamkeit und Wachheit, die Entwicklungen und Veränderungen des anderen nicht zu verpassen und sich selbst und auch den Partner weiterhin als eigenständigen Menschen wahrzunehmen. Die Verantwortung, sich um die eigenen Bedürfnisse zu kümmern liegt bei uns selbst, nicht bei unserem Partner. Die eigenen Erwartungen an den Partner nicht mit dessen vermeintlichen Pflichten zu verwechseln, bringt Klarheit in die Beziehung. Vielleicht trägt Ihr Partner sogar gerne dazu bei, auch Ihre Bedürfnisse im Blick zu behalten, wenn er nicht unter Druck gesetzt wurde?

Du hörst mir ja nie zu! –  Stimmt das?

Mit einer kleinen Übung für den Hausgebrauch bringen Sie frischen Wind und gleichzeitig mehr Ruhe in Ihre Beziehung. Überlegen Sie mal, wann haben Sie sich das letzte Mal gegenseitig so richtig zugehört? Und damit meine ich nicht Rumjammern und Beklagen auf der einen Seite und Stillhalten und Aushalten auf der anderen Seite. Sondern wirklich hinhören, was der andere sagt und das Gesagte bei mir landen lassen.

Hören und verstehen wir eigentlich wirklich genau das, was der andere sagen wollte? Oder sind wir vielmehr mit unseren eigenen „Zugaben“ zur Geschichte des anderen beschäftigt? Mit unseren inneren Ergänzungen, unseren Urteilen, unseren Annahmen über den anderen und Deutungen seiner Absicht – weil wir ihn schon so lange kennen, sowieso meinen zu wissen, was er sagen wird? Stopp – nehmen wir den anderen dann wirklich noch wahr?

Wie wäre es, wenn ich mit dem, was ich sagen will, wirklich gehört werde? Wenn mir der andere einen Moment seiner Aufmerksamkeit schenkt, ohne mir Ratschläge zu geben, ohne irgendwelche Vorannahmen zu treffen?

Probieren Sie es aus. In kleinen Schritten. In leicht verdaulichen Portionen.

Vereinbaren Sie beim nächsten Gespräch vorab eine kleine Änderung. Fragen Sie Ihren Partner, Ihre Partnerin, ob er/sie bereit wäre, sich auf ein kleines Experiment einzulassen. Und dann schauen Sie, ob es etwas in Ihrer Verbindung zueinander, im Verständnis füreinander verändert. Üben Sie in einer unbelasteten Alltagssituation, beispielsweise bei der Abstimmung der Wochenendpläne.

Eine Person fängt an und berichtet, was sie/er am Liebsten machen würde. Die zweite Person hört zu und gibt wieder „was sie von der anderen Person gehört hat, also, was dessen Lieblingspläne wären“. Hier empfiehlt es sich für den Sprechenden, in kleinen Portionen zu sprechen, damit das Wiedergeben mit Leichtigkeit möglich ist. Die Person, die das Gesagte wiedergibt, versucht, ohne eigene Deutungen das Gesagte wiederzugeben. Schließt sie dann mit einem „Habe ich das so richtig verstanden, oder fehlt noch was?“ ab, kann der Sprecher vielleicht noch ergänzen, was gefehlt hat. So umgeht man möglichen „Prüfungsstress“ beim Wiedergeben.

Und dann werden die Rollen getauscht, dann spricht die zweite Person von der eigenen Idee für die Wochenendplanung und die andere Person gibt nur wieder, was gesagt wurde.

Alleine durch die Konzentration auf die Aussagen des anderen, die ich zuerst wiedergebe, entsteht eine Entschleunigung und auf wunderbare Weise ein Verstehen und Verstanden werden, was wiederum zuträglich für die Verbindung miteinander ist. Probieren Sie es mal aus. Ich höre gerne, ob es für Sie einen Unterschied in der Verbindung miteinander macht.

Wie wäre es mit einer bekömmlichen Portion „Beziehungsnahrung“ statt „Beziehungsarbeit“ ?

Leben wir in einer verlässlichen, stabilen Partnerschaft ist uns oft nicht bewusst, wie zerbrechlich die Beziehung sein kann. Das zarte Band, das uns zusammenhält, will gepflegt sein. Manche Paare stecken viel „Arbeit“ in ihre Beziehung, das ist oft anstrengend, nervenaufreibend und langwierig. Und es passiert meist erst dann, wenn die Konflikte häufiger und schmerzvoller werden.

Daher möchte ich gerne dazu einladen, die Beziehung immer wieder zu nähren, zu pflegen, das Band zu stärken – in schönen und schwierigen Momenten sich auf Wohlwollendes zu besinnen.

Beziehungsnahrung kann beispielsweise echt gemeinte Wertschätzung sein. Das füllt den Tank auf, bevor er leergelaufen oder gar auf Reserve ist. Wenn wir uns auch hier auf eine bedürfnisorientierte Ausdruckweise besinnen, kommt die Wertschätzung viel satter und runder beim anderen an. „Es gefällt mir, mit Dir Zeit zu verbringen, weil mir der Austausch und die Nähe so wichtig sind, die zwischen uns entstehen. Ich erfreue mich so sehr daran.“ Lassen Sie sich das mal auf der Zunge zergehen und spüren Sie den Unterschied zu „Schön, dass Du da bist.“

1000 Mal berührt

Mit Berührungen ist es ähnlich wie mit Gesprächen. „Das hab ich schon 1000 Mal gehört“ und die schleichende „Abnutzung“ von Streicheleinheiten in einer Paarbeziehung kommen aus einer ähnlichen inneren Haltung, der möglicherweise die Aufmerksamkeit für den jetzigen Moment fehlt. Auch bei Berührungen nochmal genau hinzuhören, in sich hinein zu lauschen, was da im Kontakt passiert, langsam und achtsam zu werden, sowohl als gebende Person als auch als empfangende Person, kann den Zauber der Zärtlichkeit erneuern.

Mehr dazu, weitere Wertschätzungsübungen sowie das Erforschen verschiedener Berührungsqualitäten stehen im Mittelpunkt des Seminars „Berührende Kommunikation für Paare“, das Anfang März in Hamburg stattfindet.

Die Autorin, Dr. Claudia Wunram, lebt in Hamburg und studierte Klima-Wissenschaft. Von der Atmosphärenforscherin ging ihr Weg über die Wissenschaftskommunikation zur Gewaltfreien Kommunikation nach M.B. Rosenberg. 2015 gründete sie zusammen mit anderen den Verein Gewalftfreie Kommunikation. Als GFK-Trainerin und Empathie-Coach gibt sie Seminare und unterstützt  Einzelpersonen und Unternehmen.
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