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Artikel Lebensfragen

Oh Mann, quo vadis? – Wie gut geht’s dem Mann in unserer Gesellschaft?

Was für ein Geschenk, sagte mir jüngst ein guter Freund, dass er jeden Tag neu erleben dürfe, dass er jeden Tag die gewaltige Gestaltungskraft seiner Vision in sich fühlen könne, dass er jeden Tag etwas davon in die Welt, in seinen Beruf und in seine Familie geben könne. Er fühle sich im Zenit seiner Schaffenskraft, sei mit seinen 49 Jahren körperlich topfit, erlebe mit seiner Partnerin sexuelle Abenteuer der Extraklasse, und hätte an den Wochenenden auch Zeit für seine fast erwachsenen Kinder.

Ein ganz normaler Mann? Ein Ausnahmemann? Trifft diese Beschreibung auch auf dich zu? In meiner Erfahrungswelt sind diese Typen doch eher die Ausnahmen in dieser verrückten Gesellschaft.

Topfit und glücklich? – Wenn ich auf mein Leben blicke und auf die Welt der Männer in meiner Umgebung, dann sieht unsere Realität ganz anders aus.

Ein guter Freund plagt sich mit seinen 56 Jahren seit geraumer Zeit mit ‚Rücken‘. Ich selbst hatte vor einigen Jahren eine fast schon chronische Bronchitis.

Ein anderer Mann, seit sechs Jahren Familienvater, beklagte neulich, dass er zwar mit Leib und Seele für seine Kinder da sei. Mit seiner Frau habe er aber ‚gefühlt seit drei Jahren‘ keinen richtigen Sex mehr.

Bei einem anderen Mann sei der Sex mit seiner Frau nur noch zu einer spärlichen Pflichtveranstaltung degeneriert. Das sei nur noch fader Legitimationssex, der sein morsches Eheverhältnis nur deshalb aufrechterhalte, weil eine Trennung für ihn finanzielle Nachteile hätte.

Lebendigkeit, erotische Anziehung, sexuelle Abenteuer erlebe er dagegen mit einer geheimen Geliebten.

Ein junger Mann berichtete mir letzte Woche, seine Partnerin würde immer öfter mit Freundinnen losziehen, während er, müde vom Job, eigentlich zu Hause nur noch die Füße hochlegen wolle. Jetzt will sie, dass er auszieht. Sie könne so einen müden Partner nicht mehr aushalten.

Ein weiterer Bekannter schwärmt, es gäbe ja zum Glück noch den Zufluchtsort mit den alten Studienfreunden. Und das regelmäßige Bier beim Fußball. Allerdings wären die Gespräche im und am Stadion nicht wirklich tiefsinnig.

Ein Kollege wurde jüngst per Notarztwagen direkt von unserer Firma ins Krankenhaus gebracht, weil sein Puls plötzlich verrückt spielte. Zwei Tage später erzählte er, dass der abnormale Puls vermutlich mit den neuen Beta-Blockern zu tun hätte. Die alten Beta-Blocker, die er knapp sechs Jahren lang eingenommen hatte, waren auf Anraten seines Hausarztes abgesetzt worden – wegen der vielen unkalkulierbaren Nebenwirkungen.

Alles erfundene Geschichten? Mitnichten! Das alles sind reale Beispiele aus meinem Umfeld, aus einer Männerwelt, die ja eigentlich keine Probleme kennt. Denn in dieser Welt zählen vor allem Härte, Durchsetzungsvermögen, Ausdauer, Leistung und hartes Konkurrenzverhalten. Nur leider unterstützen diese gesellschaftlichen ‚Werte‘ bei Männern fatale Entwicklungen.

Viele Männer entfremden sich im Laufe der Jahre von ihrem Job, ihrer Partnerin und den Kindern – ja, vor allem von sich selbst.

Der Männercoach Björn Thorsten Leimbach verweist in seinem Buch ‚Männlichkeit leben‘ (Hamburg, 2007) auf Statistiken zum Gesundheitszustand von Männern in Deutschland und spricht vom ‚Problemfall Mann‘. Die Autorin Carmen Sadowski betitelt einen Artikel (2010) über Männer im Express mit „Studien belegen: Der Mann, das schwache Geschlecht“:

  • Männer sterben durchschnittlich sieben Jahre früher als Frauen
  • Nach Scheidungen nehmen sich Männer sechsmal so häufig das Leben wie Frauen
  • 74 Prozent der Suizide in Deutschland werden von Männern begangen
  • Männer erleiden 95 Prozent aller tödlichen Berufsunfälle
  • Über 95 Prozent der Gefängnisinsassen sind Männer
  • 84 Prozent der Mordopfer sind Männer
  • In Kriegen werden überwiegend Männer getötet
  • 84 Prozent der Drogenabhängigen sind Männer
  • mehr als fünfmal so viele Männer wie Frauen sterben an den Folgen von Drogen
  • Viermal so viele Männer wie Frauen sterben an den Folgen von Alkohol- und Tabakkonsum
  • 75 Prozent der Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten und 68 Prozent der Kinder mit Lernschwierigkeiten in Schulen sind Jungen

„Frauen sind stark, Männer sind das kranke Geschlecht“

so lautet die harte Diagnose von Matthias Franz, Psychoanalytiker und Organisator des ersten deutschen Männerkongresses. Sowohl Shell-Studie als auch World Vision Kinderstudie und das Statistische Bundesamt bezeugen, ja, die Testosteronwelt krankt:

  • 61 Prozent der Raucher sind Männer
  • Männer leiden fast doppelt so häufig unter Herzkreislauf-Erkrankungen
  • Auch die Bildungskatastrophe sei männlich, laut Franz. Etwa zwei Drittel der Schulabbrecher und Sitzenbleiber sind Jungen
  • Frauen sind seltener kriminell (nur 13 Prozent der Täter)

In einem sehr lesenswerten Artikel in der Welt über den Männerkongress (Berlin, 2018, „Männer, das neue schwache Geschlecht“, u.a. mit dem Hirnforscher Gerald Hüther) beschreibt Kathrin Spoer die oft desolate Situation, in der sich moderne Männer befinden. Und auch der Paartherapeut und Männercoach Robert Betz fasst zusammen: „Spätestens die Midlife-Crisis, ein Schlaganfall oder ein Herzinfarkt bringt einige Männer dann doch ins Grübeln“, so dass manche Männer zum Schluss kommen:

So kann es nicht mehr weitergehen. Ich muss etwas Grundlegendes in meinem Leben ändern!

Und ich glaube genau deshalb, weil es vielen Männern in dieser Gesellschaft verdammt dreckig geht, muss es mehr Räume geben, in denen wir Männer zusammenkommen: Wo wir uns gegenseitig stärken, wo wir uns zuhören, wo wir aufrichtig Anteil nehmen, wo wir erleben können, dass wir Männer uns gut tun – ja, uns gegenseitig nähren!

Das kann manchmal schon dadurch passieren, dass Männer sich zu einem etwas anderen Stammtisch treffen. In Hamburg habe ich jüngst zwei sehr kraftvolle Männerstammtische besucht. Sie bieten Männern aller Altersstufen Austauschmöglichkeiten mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten. Der eine wird von Christoph Cassens über facebook organisiert. Der andere Stammtisch wird von Matthias Heubach organisiert und nennt sich ‚No More Mr. Nice Guy‘.

Ich selbst veranstalte seit 2018 in Hamburg Männertage unter dem Motto ‚MeerMännlichkeit leben‚. Damit möchte ich uns Männern die Möglichkeit geben, in einer vertrauensvollen Atmosphäre zusammenzukommen, um einiges von dem zu teilen, was da jedem einzelnen Mann gerade unter den Nägeln brennt.

Der Autor, Andreas Dernehl, veranstaltet seit 2018 Männerseminare. Ausschlag gaben seine eigenen Erfahrungen: das Scheitern seiner Ehe, die Krise und das Danach. Nach vielen Erfahrungen in unterschiedlichen Gruppen – Yoga, Tantra, BioDanza – fand Andreas vor allem Halt im Austausch und Zusammensein mit anderen Männern. Diese inspirierten ihn, eine Männergruppe ins Leben zu rufen.

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