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Artikel Lebensfragen

Egal wo, egal wann: zur richtigen Zeit am richtigen Ort – selbst gemacht oder vom Himmel gefallen?

Neulich war ich bei einem Vortrag, bei dem mehrfach die Frage der eigenen Bestimmung und der eigenen Berufung erörtert wurde. Ich war überrascht als ich so zuhörte und feststellte, och nö, ich musste mich in meinem Leben nicht wirklich damit beschäftigen. Eigentlich war es immer klar: ich wusste irgendwie, wo es lang ging, jedenfalls für mich, egal ob es anderen gefiel oder nicht! Kurzum, ich gehöre offensichtlich zu den aus dem Ei gepellten Naturtalenten!

Auf meinem Nachhauseweg waren wir zu dritt, eine der Teilnehmerinnen hatte einen ähnlichen Heimweg, die andere suchte ihr Auto. Wir waren in großartiger Laune, lachten und alberten herum. Aber immer wieder kamen sehr ernste Sequenzen. Es berührte mich tief, dass diese beiden Frauen (Anfang 30 und Anfang 40) ziemlich gestresst waren, weil sie nicht wussten, was sie im Leben machen sollten, bzw. ob das, was sie machten, denn auch das Richtige sei.

Und überhaupt: zahlt frau einen Preis für falsche Entscheidungen? Gibt es verlorene Jahre?

Wieder staunte ich über diese emotionale Dramatik. Also, wirklich nein, ich hatte dergleichen nicht erlebt!

Erst am nächsten Morgen, beim gemütlichen Kaffee in meiner kuscheligen Küche, kamen die Erinnerungen ….oh, doch! Ich hatte dergleichen erlebt! Nur hatte ich selten darüber gegrübelt, sondern diese drängenden Fragen sofort ‚ausgelebt‘. Bei genauer Betrachtung hatte ich sogar eine eigene Technik zu diesem menschlichen Dilemma entwickelt! Diese Erinnerungen widme ich jetzt meinen zwei wunderbaren Weggefährtinnen vom Mittwochabend.

Schon früh, nach dem Abitur, war ich nach Australien ausgewandert und lebte für vier Jahre an den unterschiedlichsten Orten auf dem fünften Kontinent. Im Jahr 1983 packte mich erneut die Wanderlust und ich meine Sachen, um zurück nach Europa zu reisen, und zwar Land um Land. Mit meinem gerade mal 23 Jahren geriet ich im Juli ’83 in den Bürgerkrieg auf Sri Lanka. Das war erschreckend und furchtbar, auch wenn ich von den grausamsten Dingen verschont blieb, weil ich Asyl in einem Vipassana Kloster im Wald in der Nähe von Kandy fand. Sri Lanka sperrte wochenlang seine Grenzen, sowohl Bevölkerung als auch Touristen waren Gefangene. Als die Grenzen wieder passierbar waren, flog ich nach Südindien und befand, dass ich definitiv zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen war.

Ich fragte mich, ob zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein eher ein Himmelsgeschenk war oder ob ich selbst etwas dafür tun konnte. Wenn ich es aber selbst beeinflussen konnte, wie und wo würde es sich zeigen? Im Bauch? oder spürte man das auch noch anderswo? Es schien ja eher ein Gefühl, aber eines, das sich auch im Außen widerspiegelte.

Also, ein harmonischer Zustand – in mir, mit mir – und im Raum und in der Zeit.

Na, gut! Aber konnte ich nun diesen Zustand kultivieren?! und wenn ja, in welchem Ausmaß? Konnte ich immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein? Viele Fragen, keine Antworten.

Genau diese Fragen wurden für die nächsten Monate zu meiner Mission. Klar war, Grübeln würde keine Antworten herbeizaubern. Ich bin eh der praktische Typ, also musste ich empirisch vorgehen. Um dem Spüren möglichst viel freien Raum zu geben, sollte der Kopf möglichst wenig Futter bekommen. Somit bekamen Reiseführer und die indische Landkarte den Platz ganz unten im Rucksack. Und überhaupt, das ‚übliche Verhalten‘ auf einer Reise wurde komplett gestrichen. Es gab von jetzt an keine Pläne, keine Wünsche, keine Empfehlungen für tolle Strände, imposante Tempel oder ‚must do‘ anderer traveller. Ich fing an, ganz anders zu reisen.

Ab jetzt galt: Spüren, ob ich genau in diesem Moment am richtigen Ort war. Egal wo, egal wann!

Das hieß auch, dass ich mein Zimmer immer nur für eine Nacht im Voraus bezahlte und erst beim Frühstück mein Gefühl für den weiteren Verlauf des Tages befragte. Vom Hotel lief ich vollkommen planlos durch den Ort und bewegte mich, aufmerksam in mich horchend, mal nach rechts, links oder geradeaus. Manchmal zeigte mir auch jemand spontan eine Top-Sehenswürdigkeit, an der ich vorbeizulaufen drohte, weil ich ja nicht wusste, dass es sie gab!

Meine neue, ungewöhnliche Art zu reisen, hieß auch, dass ich bei gefühlter Weiterreise mich überraschen ließ, ob meine Füße zur Bahn, zum Bus oder zur Fähre fanden. Vor allem an den chaotischen Busstationen wurde es unterhaltsam. Ich konnte die Fahrziele auf den Bussen eh nicht lesen, fragte aber jetzt auch niemanden, wohin sie fuhren. In dem Bus, der sich als richtig anfühlte, nahm ich Platz und zahlte immer bis zur Endstation. Im Laufe der ersten Wochen konnte ich die ungefähre Fahrzeit in Stunden nach dem Preis erahnen. Sieben Rupien waren etwa sieben Stunden Busfahrt. Bei den Zügen bekam man noch mehr Stunden Fahrerei für den gleichen Preis. Da ich in Südindien war, kamen bald auch kleine Fähren meines Weges. Die liebte ich als Hamburgerin besonders, die Preisgestaltung hatte allerdings keinerlei erkennbare Struktur.

Auch wenn ich immer bis zur Endstation zahlte, hieß das nicht, dass ich auch bis zum Ende blieb.

Fühlte sich eine Zwischenstation stimmig an, nahm ich meinen Rucksack und stieg aus. Ich fragte selten, wo ich eigentlich war und ich wusste nicht, ob ich wohl wochenlang nur im Kreis fuhr. Allerdings erkannte ich keinen Ort wieder, das schien mir durchaus ein gutes Zeichen!

Das einzig Beständige war, ich fragte mich immerzu, ob ich wohl genau in diesem Moment an diesem Ort richtig war. Wenn nicht, dann änderte ich den Kurs, bis es sich wieder stimmig anfühlte. Da ich nun einmal dabei war, galt dieses Prinzip auch für mein Essen & Trinken und für die Begegnungen & Kontakte unterwegs… sofern es die Gastfreundlichkeit und Neugierde der indischen Bevölkerung zuließen. Touristen und touristische Hot-Spots blieben eher rar gesät auf meinem Weg.

Bereits nach ein paar Wochen konnte ich an der Stärke meines Gefühl sogar zwischen richtig und nicht ganz so richtig unterscheiden.

Nach ungefähr sechs Wochen befand ich mich mehr als die Hälfte der Zeit in dem Gefühl, ganz richtig in Zeit und Raum zu sein. Nach drei Monaten hatte ich es fast schon perfektioniert. Ich fühlte mich, egal wo, egal wann, total richtig! Ich war durch und durch tiefenentspannt – nichts drängte, drängelte oder zweifelte. Und wenn ein Impuls in mir aufstieg, dann folgte ich ihm. Ganz unspektakulär.

Das war der Zeitpunkt, an dem ich mein Experiment als geglückt beendete und dann aus Neugierde die mir bekannten Ortsnamen von unterwegs in der rehabilitierten Landkarte suchte. Zu meiner Verwunderung war ich in diesen drei Monaten fast 1.500 Kilometer durch Indien gereist – ohne auch nur einmal im Kreis oder Zickzack zu fahren!

Ein weitere Grund, mein Projekt ad acta zu legen, war, dass ich mich in einen Mann verliebt hatte. Dadurch geriet allerdings so manches in mir durcheinander. Da ich meiner Familie aber zugesagt hatte, nach viereinhalb Jahren im Ausland, am kommenden Weihnachtsfest teilzunehmen, reiste ich weiter nach Nepal, von wo mein Flug nach Hamburg gehen sollte.

In Kathmandu überwältigte mich mein internes Chaos. Der Kopf war recht streng: „Du fährst nach Hause! Du hast es versprochen.“ Meine Familie ist katholisch, insofern bedeutet ihnen Weihnachten sehr viel. Der 8. oder 17. März zählte definitiv nicht als Ersatztermin. Außerdem war der Mann, in den ich mich verliebt hatte, ein Iraner. Anfang der 1980er war das keine fröhliche Botschaft, denn Ayatollah Khomeini war laut, unbequem und tobte gegen so ziemlich alle. Auch meine Finanzen, die ich mir in Australien angespart hatte, neigten sich langsam dem Ende. Und einen Job in Indien zu suchen, wäre wohl den wenigsten von uns damals in den Sinn gekommen.

Dem gegenüber befand mein Herz: „Du kannst dich nicht verlieben und so tun, als wäre nichts! Was genau ist denn wichtig in deinem Leben?“ Die Frage, ob es kosmische Bestimmung war, diesen Mann zu treffen, hielt ich damals eher für eine hypothetische Betrachtung über vermeintliche Strukturen jenseits der Wirklichkeit. Und überhaupt, was hätte das genützt? Die Frage war doch, was war richtig für mich? Aber ich konnte mich nicht entscheiden. Es gab kein Gefühl in mir von richtig oder falsch, mein Bauchgefühl war verloren gegangen. Was tun?

Mein dreimonatiges anders-reisen-Projekt hatte mich sehr beeindruckt, also entwarf ich ein analoges ‚Stadtmodell‘, um mein Bauchgefühl wiederzubeleben. Es war relativ einfach: Ich ging nachts spazieren.

Damals lagen die Hotels und Hostels noch in der Altstadt, eingebettet in einem Wust von verzweigten Gassen, schmählich beleuchtet. Weder Nepalesen noch Inder waren damals gerne nachts unterwegs, man fürchtete Wesen und Geister. Ich fürchtete sie nicht und hatte somit die Stadt für mich!

Ich lief also los, sobald Kathmandu ins Bett ging.

Once again, an jeder Straßenkreuzung, bei jeder abzweigenden Gasse hielt ich inne. Himmel noch mal, nachts sahen sie alle gleich aus! Nur am Tage waren die Straßen unterscheidbar – durch die geöffneten Shops, die Verzierungen an den Fassaden oder die kleinen Handwerksbetriebe mit ihren ganz eigenen Geräuschen. Jetzt aber schaute ich in dunkle, leere Straßen und düstere Gasse mit geschlossenen Türen und Fensterläden. Fast alles aus Holz. Ich horchte beständig in mich. Sollte ich dort entlang gehen? Oder doch lieber hier weiterlaufen? Manchmal stand ich ziemlich lange an einer Kreuzung, denn ohne Gefühl ging ich nicht weiter oder nur zaghaft, gelegentlich drehte ich auch wieder um.

Ich fing an, Facetten meiner Gefühlswelt zu beobachten. Manchmal kam Angst auf, aber meistens durchschaute ich, warum. Es gab schlicht gute Argumente gegen eine Gasse: zu düster, zu eng, zu viele Straßenhunde. Aber in solchen Situationen fühlte ich mich auch eher herausgefordert: jetzt erst recht! Und doch beeinflusste das selten mein Bauchgefühl. Das Gefühl zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, ließ sich nicht abwägen, es war keine demokratische Entscheidung, und schon gar nicht eine Trotzreaktion!

Es war eher vergleichbar mit einer kleinen, feinen Stimme, die zaghaft ansetzte und dann unaufhörlich an Volumen zunahm.

Ich machte mir keine Gedanken, mich zu verirren in diesem düsteren Labyrinth. Ich empfand diese Nachtwanderungen nicht als gefährlich. Alles was passieren konnte, war, dass es irgendwann dämmerte und ich ein Rikscha anheuern würde, mich wieder ins Hostel zu bringen. Aber zu meiner eigenen Überraschung passierte das nie! Ich lief – Nacht für Nacht – vollkommen ziellos durch Old Kathmandu und spürte nach meinem ur-eigenen Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein.

Und ja, es funktionierte! Ich gewann mit jeder Nacht ein bisschen mehr Ruhe. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, auch wenn es eigentlich nur ein paar dunkle Gassen waren, entfaltete seine magische Kraft. Und etwas entspannte sich in mir, etwas, das stärker war als dieses Hin + Her zwischen Kopf und Herz.

Und wenn ich mit einem guten Gefühl in eine Straße einbog, schien sich dieses Gefühl in alle Bereiche meines Wesens zu verströmen.

Auch meine Entscheidungen an den Kreuzungen wurden wieder fließend. Ja, ich war wieder im Fluss und ganz richtig auf meinem Weg! Wohin auch immer der führte…!

Ich fragte mich, ob es überhaupt um den speziellen Mann ging oder doch viel mehr darum, was die Grundwerte meines Lebens waren? Und was war mir wichtiger: Die Erwartungen meiner Familie (der anderen) oder die Aussicht auf mein eigenes Glück? Was machte es eigentlich aus, wenn irgendein Teil der Welt einen anderen Teil der Welt komplett bescheuert fand – und vice versa. Was genau hatte das mit mir zu tun? Und welche Bedeutung hatte Liebe für mich?

Die Antworten zu diesen Fragen wurden bald zu Selbstgängern, denn solange ich mich – ja, ganz physisch – auf meinem Weg richtig fühlte, fühlte ich mich auch in meinem Dasein – mit allen Themen und Fragezeichen – irgendwie richtig.

Das tiefenentspannte Gefühl im Bauch hatte einen unaufgeregt beruhigenden Effekt auf Kopf und Herz! Und alleine das Gefühl DA ZU SEIN löste Sicherheit und Geborgenheit in mir aus. Nachdem ich wieder ganz bei mir war, waren meine Prioritäten auch kein Geheimnis mehr.

Und wie es dann weiterging, ist eine andere Geschichte. Aber so viel: mein Nachname ist persisch! Und ja, ich mache es immer noch ab und zu, dass ich so ‚planlos‘ durch die Straßen laufe. Aber mittlerweile eher selten bei Nacht!

Die Autorin, Kathrin Rozati, ist die Herausgeberin des just-be.life Portals. Sie reiste viele Jahre / Jahrzehnte in der Welt herum. Sie ist ausgebildete Yogalehrerin, studierte Germanistik und Anglistik, arbeitete in unterschiedlichen Jobs, auch als Reisejournalistin.
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