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Artikel Bewegung

Tänze des universellen Friedens – Ein Weg zu mehr Toleranz und spirituellem Erwachen

Im Jahr 2006 entdeckte ich die Tänze des universellen Friedens durch eine Teilnehmerin aus einem meiner Yoga-Kurse. Am Ende einer jeden Yogastunde sangen wir damals regelmäßig Mantren, die aus dem Kundalini-Yoga kamen, manchmal aber auch aus anderen Traditionen.

Eines Tages sprach mich eine der Teilnehmerinnen an und sagte: „Weißt du, dass man die Mantren auch tanzen kann?“ Ich fühlte mich von dieser Aussage zutiefst angesprochen und die Frage war nicht, ob ich das tun wollte, sondern einfach nur wo und wann?!

Ein paar Monate später verbrachte ich mit meiner Familie eine Woche auf dem Familien-Tanz-Camp in der Rhön, das damals seit mehr als 12 Jahren existierte. Doch für mich war alles neu und aufregend, denn es bedeutete: Mantren aus allen Traditionen zu singen und zu tanzen, zusammen mit 300 Menschen, groß und klein, eine Woche lang. Das war mein Einstieg in eine neue Welt, die mich bis heute begeistert und tief berührt.

Was sind die Tänze des universellen Friedens?

Die Tänze des universellen Friedens wurden in den späten 1960er Jahren von Samuel Lewis in San Francisco entwickelt. Samuel Lewis hatte im Laufe seines Lebens diverse Ausbildungen und Einweihungen in verschiedenen Traditionen erhalten, er war u.a. Sufi-Lehrer und Zen-Meister.

In der damaligen Zeit suchten viele „Hippies“ nach einem Zugang zum neuen Bewusstsein. So begann Samuel Lewis aus einer Eingebung heraus, mit einigen seiner Schüler Tanz- und Gehmeditationen auszuprobieren. Später entwickelten die Schüler das Repertoire von anfänglich 20 Tänzen weiter, mittlerweile gibt es über 500 Tänze.

Was vor 50 Jahren in einer Garage begann, entwickelte sich zunehmend zu einer weltweiten Bewegung und einem internationalen Tanz-Netzwerk.

Der Kern der heutigen Tanzkreise ist dabei immer noch der gleiche wie damals: Die Teilnehmer*innen bilden einen Kreis um einen Tanzleiter, oft unterstützt durch einen oder mehrere Musiker. Der Tanzlehrer lehrt einige heilige Worte, meistens ein Mantra. Ein Mantra ist ein heiliger Satz, der in der jeweiligen Kultur oder Tradition, aus der er stammt, eine starke, oft auch metaphysische Bedeutung hält. Ergänzt wird nun eine Melodie und einige Tanzschritte. Die Tanzschritte erinnern an traditionelle Kreistänze, denn einfache Schritte verbinden sich mit Drehungen, Partnerbegegnungen und Mudras.

Es braucht natürlich ausreichend Raum, innen wie außen, damit diese Worte, Melodien und Schritte sicher von allen gelernt werden können. Aber jede/r kann mitmachen, ganz ohne besondere Vorkenntnisse. Die Tänze selbst sind sehr vielseitig und spiegeln verschiedene Stimmungen und Emotionen. Sie können in das Erleben von Freude, Liebe, Mitgefühl, tiefen Frieden oder auch Ekstase hineinführen.

Einheit in der Vielfalt

Beständig wechseln die Tänze des universellen Friedens von einer Tradition oder Religion in die andere, von einem buddhistischen zu einem christlichen Mantra, von der indianischen Tradition zu einem Tanz der Zoroaster, vom jüdischen Niggun zu einem Sufitanz mit arabischen Worten oder zu einem hinduistischen Tanz.

Ähnlich wie bei den universellen Gottesdiensten entsteht so ein Staunen und ein Respekt vor dem vielfältigen Reichtum, der sich innerhalb und mithilfe der verschiedenen Traditionen und Religionen über die Erde ausgebreitet hat. Durch dieses ständige Eintauchen in die Weisheit der Völker entsteht mehr und mehr das Gefühl, das letztendlich alles Wissen und alles Leben ein und derselben Quelle entspringt – und vielleicht bekommt der ein oder die andere sogar einen Geschmack, eine Ahnung von der eigenen, essentiellen Natur.

Die Tänze als Weg zu mehr Toleranz und Heilung

Die Friedenstänze eignen sich von Natur aus hervorragend, einen Platz in der Friedensarbeit und in der sozialen Arbeit einzunehmen. Es gibt bereits viele Projekte weltweit bei denen sie zum Einsatz kommen, auch und grade in Kriegs-und Krisengebieten.

So gibt es beispielsweise das Mir-Projekt in Bosnien-Herzegowina, das in Zusammenarbeit mit Ärztinnen und Psychologinnen spezielle Heilarbeit für kriegstraumatisierte Frauen anbietet. Begleitet wird dieses Projekt von deutschen Tanzleiterinnen.

In Schulen, Kindergärten und in therapeutischen Einrichtungen helfen die Tänze, mehr Toleranz und Achtsamkeit zu erlernen. Mangelndes Selbstvertrauen und Schüchternheit lösen sich, Hand in Hand, im Kreis schnell auf. Das Singen der Mantren und die eigenen Stimmen stehen deutlich mehr im Vordergrund als die begleitende Musik, dadurch entsteht ein stärkendes Wir-Gefühl. Auch individuelle Stärken und Schwächen balancieren sich im Kreis der Tänzer*innen aus und die Gemeinschaft wird als wichtiger empfunden als der oder die Einzelne. So entwickelt sich ein Gefühl der Verbundenheit im Kreis, aber auch zu sich selbst.

Die Tänze als Weg zu spirituellem Erwachen

Menschen, die sich nach Einheit mit dem Göttlichen sehnen, können in den Tänzen des universellen Friedens eine lebendige und inspirierende Praxis finden, die auf religiösen Wahrheiten und verkörperter Spiritualität beruht.

Das gemeinsame Singen im Kreis öffnet schnell die Herzen und die Mantren öffnen Türen zu altem und gesammelten Menschheitswissen, das in uns raum- und zeit-übergreifend resoniert.

Durch die Anbindung an die überlieferten Traditionen verstärkt sich das Gefühl, Teil einer langen Kette zu sein, was einem einzelnen Leben durchaus mehr Sinn und Tiefe geben kann.

Den Körper beim Singen als Resonanzraum zu spüren und gemeinsam in einen Rhythmus von Atem und Bewegung zu kommen, all dies hilft, sich aus den eigenen Begrenzungen zu lösen und die Mitmenschen einmal anders wahrzunehmen. Denn, ich bin nicht getrennt von meinem Gegenüber. Wir gestalten gemeinsam diese Welt im Hier und Jetzt.

Weg der Freude

Das wichtigste Grund für mich, die Tänze immer wieder erleben und mittlerweile auch selbst anleiten zu wollen, ist jedoch, dass es einfach Spaß macht. Singen und Tanzen öffnen mein Herz und ich bin schnell Teil des Kreises und Teil dieser Gemeinschaft.

In Momenten der Trauer oder der Kraftlosigkeit sind die Tanzkreise für mich immer wieder eine Quelle der Stärkung und der Erneuerung auf meinem Weg. Im Alltag klingen die Mantren und Melodien, aber auch die menschlichen Begegnungen noch lange nach. Jedes Mantra, jeder Tanz ist wie ein Schatz und öffnet eine Tür zu mehr Weisheit, mehr Licht und Lebensfreude.

„Der spirituelle Tanz hat keine andere Absicht, keinen anderen ihm inne-wohnenden Sinn, als die Menschheit zu erbauen, sie zu Freude, Segen, Verwirklichung und Frieden zu führen. Der aufrichtige Tänzer ist einer der geeignetsten Arbeiter für universelle Harmonie und auf diese Weise für universellen Frieden. Auf zum Tanz!“

(Samuel Lewis)

Die Autorin, Andrea Scheffler, ist seit fast 20 Jahren Kundalini-Yogalehrerin in Hamburg und zertifizierte Focusing-Therapeutin – außerdem Leiterin und Ausbilderin für die Tänze des universellen Friedens.

Andrea ist Teil des Hamburger Friedenstanz-Teams. Zusammen mit ihrem Mann bietet sie regelmäßig monatliche Sufi-Meditation an, auch hier sind die Tänze ein zentraler Teil der Praxis.

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