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Therapie

Dunkelretreats: An der Quelle trinken

Ich werde oft gefragt, wie ich zum Dunkelretreat gekommen bin. Alles begann im Jahr 2002, als ich in einer Fachzeitschrift für Naturheilkunde die Überschriften checkte und an einer hängenblieb: Dunkeltherapie. Das Wort zog mich magisch in seinen Bann und in den Inhalt des Beitrags hinein.

Was ich da las, faszinierte und ängstigte mich gleichermaßen: Mehrere Tage in einem komplett abgedunkelten Raum verbringen!? Und das auch noch fastend! Ursprünglich komme diese Form der Innenschau aus dem tibetischen Kulturkreis, wo Mönche sich zwischen 49 Tage bis 3 Jahre diesem bewusstseinserweiternden Prozess aussetzen. Ich las Begriffe wie „Realisation göttlicher Erfahrungen“, „Inneres Licht“ und „Selbst-Erkenntnis“. Aufgewühlt legte ich den Text beiseite. Als strikt atheistisch erzogenes DDR-Kind hatte ich damals keine Ahnung, was das alles wirklich bedeutete. Ich verstand einfach nicht, was ich las. Und doch zog es mich an, ohne dass ich hätte sagen können, warum.

Die Informationen beschäftigten mich noch eine Weile. Nach einigen Wochen war das Ganze für mich durch: „Ist nichts für mich, bin doch nicht verrückt!“ Die Zeitschrift verschwand mit der Zeit unter einem Stapel nachfolgender Ausgaben und geriet in Vergessenheit. Ein Jahr später, beim Aufräumen, fiel mir der Artikel erneut in die Hände. Und da war es wieder: Das Feuer, das mich bereits beim ersten Lesen erfasst hatte. Doch auch die Angst lauerte noch genauso im Hintergrund der lodernden Flammen, als hätte sie ein Jahr lang dort gestanden und nur auf mich gewartet. Ich war völlig blockiert, im Patt zwischen „Ja, ich will!“ und „Nein, um Gotteswillen!“ gefangen. In dem Zustand rief ich den Autor des Artikels an und beschrieb ihm meine Situation. Es gelang ihm mir meine Angst zu nehmen und ich buchte freudig mein erstes Dunkelretreat über 12 Tage. Nachdem ich aufgelegt hatte, dauerte es nur wenige Minuten, bis die Angst meine Magengegend wieder verknotet hatte. Doch der Termin stand, absagen war für mich keine Option. Heute bin ich froh und unglaublich dankbar, dass ich diesen entscheidenden Schritt in meinem Leben gegangen bin. 2005 und 2016 folgten zwei weitere Langzeit-Dunkelaufenthalte – jeder für sich ein Unikat von unschätzbarem Wert auf meinem Weg der Selbst-Verwirklichung.

In meinem dritten, 26 Tage währenden Dunkelretreat erhielt ich die klare Botschaft, dass ich nun reif sei, selbst Dunkelretreats für an tiefgehender Heilung, Wandlung und Selbst-Erkenntnis interessierte Menschen anzubieten. Die Umsetzung dieser Vision (und die damit verbundenen Herausforderungen wie: neuen Praxisort finden, alte Praxis auflösen, Umzug, Praxisneugestaltung und Herrichtung der Dunkelräume) dauerte ein halbes Jahr, was für mich ein verblüffend kurzer Zeitraum ist.

Was bedeutet Dunkelretreat?

Es ist im Grunde sehr simpel: So, wie das Wort „Wüstenretreat“ einen Aufenthalt in der Wüste meint, verweist der Begriff „Dunkelretreat“ auf einen Rückzug in komplette Dunkelheit.

In spirituellen Traditionen, meines Wissens vor allem in Japan und Tibet, nutzten und nutzen Mönche diese alte Form der Innenschau, um ihr Bewusstsein in höhere Seins-Ebenen zu erheben und dort zu verankern.

Da im Dunkelraum die äußeren Reize fehlen, verlagert sich der Fokus der Aufmerksamkeit nach innen. Je höher der Grad der Aufmerksamkeit, umso klarer werden die subtileren feinstofflichen Welten vor dem inneren Auge sichtbar, wahrnehmbar. Der Mensch erkennt seinen Wesenskern, fühlt seine Essenz, ist seine Essenz. Es ist ein grundlegendes Treffen mit sich selbst, das mit zunehmender Intimität immer freudiger, leichter, erhellender, friedvoller und wesentlicher wird. Mit allen Konsequenzen, die sich daraus ergeben.

Ein Dunkelretreat kann also für Menschen, die sich davon angezogen fühlen, auf dem Weg des inneren Wachsens und spirituellen Erwachens eine große Unterstützung sein.

Prüfungen auf dem inneren Weg in die Tiefe

Der Weg in die Seelentiefe kann durchaus läuternd sein und in Etappen stattfinden, in denen verschiedenartigste Prüfungen zu meistern sind. Für denjenigen, der sie besteht, öffnet sich das Tor in die nächste, höherbewusste Seins-Ebene wie von allein und er ist in der Lage, diese mit Liebe und Achtung und in Demut zu betreten. Wer den Test nicht besteht, kommt an den Torwächtern nicht vorbei. Dieser Schutzmechanismus macht mir sehr viel Sinn, da die lichtvolleren Bewusstseinsebenen auch höhere Fähigkeiten, Wissen und Weisheit beinhalten und die Verantwortung für das eigene Handeln zunimmt. Wer sich dessen voll bewusst und im Denken und Fühlen gereinigt und geheilt ist, wer ein reines Herz hat und wer verantwortungsbewusst im Sinne des Ganzen handeln kann, ist nicht mehr in Gefahr, Wissen und Fähigkeiten manipulativ zu missbrauchen, um einen persönlichen Vorteil daraus zu ziehen.

Die der Dunkelheit innewohnende heilende Natur

Ein längerer Aufenthalt im Dunkelraum führt den Menschen an seinen Ursprung zurück. Im Spiegel der Dunkelheit wird für ihn erkennbar, wie er im Inneren tickt. Da gibt es kein Verstecken, Untertauchen, Verstellen, Anpassen oder So-tun-als-Ob mehr. Jegliche Art von Schönfärberei und Unter-den-Teppich-Kehren misslingt hier. Die Dunkelheit zeigt unmissverständlich klar auf, wo der Mensch innerlich steht und wie integriert oder auch unintegriert er in der Tiefe ist.

Mit zunehmender Retreat-Dauer entblättern sich die zwiebelschalenartig konditionierten Strukturen des Menschen, sodass der innewohnende Wesenskern mehr und mehr im Gewahrsein heraufschimmern kann. Die Psyche entleert sich während dieses Vertiefungsprozesses auf natürliche Weise ihres über Jahre und Generationen angesammelten mental-emotionalen Ballastes, sodass dem Erwachsenen im Lichte der Dunkelheit alles bewusst und von ihm geheilt werden kann, was nicht im Einklang mit unserer innersten Natur war und ist.

Je tiefer dieser innere Klärungs- und Heilungsprozess stattfindet, umso mehr kann – quasi als Nebenprodukt von Erkenntnis, Heilung und Transformation – die wahre menschliche Natur wieder gefühlt und im Alltag ausgedrückt werden, z. B.: bedingungslose Liebe, innere Freiheit, Weisheit, innere Ruhe, tiefer Frieden, herzhafte Güte. Also genau das, wonach sich so viele Menschen zutiefst sehnen und worum sie in ihrem Herzenswunsch nach Verwirklichung höherer Bewusstseinsebenen ringen.

Diese Werte werden oft als die höheren Werte, als das Edle im Menschen bezeichnet. Doch im Grunde ist es das Normale – unsere wahre Natur, wie sie ist. Viele Menschen sind ihrer nur entwöhnt, da erwachsene Vorbilder, die das „Gute, Edle und Wahre“ stetig vorlebten, in der Kindheit fehlten. So wurde das „Ver-rückte“ an die Stelle des Ursprünglichen gestellt und mit der Zeit als „normal“ deklariert. Meines Erachtens lohnt es sich sehr – und ist angesichts der Herausforderungen auf unserem Planeten auch dringende Notwendigkeit – die Sicht auf die Welt in allen Lebensbereichen zu hinterfragen und gegebenenfalls wieder richtigzustellen.

Ein Dunkelretreat geht also auf allen Eben (Seele, Geist und Körper) mit tiefen Reinigungs-, Erkenntnis- und Heilungsprozessen einher; etwas im Menschen kommt wieder ins Reine, ins Gleichgewicht, in die göttliche Ordnung.

Auch wenn ein Dunkelretreat keine Therapie im gesellschaftlich verstandenen und anerkannten Sinne ist, wird es von denen, die sich dem Dunkelprozess hingeben, als zutiefst heilsam empfunden, was sich sowohl in der Psyche als auch im Körper ausdrückt. Sie fühlen sich vitaler sowie psychisch stärker, reifer und insgesamt erwachsener, was sich 360° in allen Lebensbereichen auswirkt.

Da der Mensch während eines Dunkelretreats ganz sich selbst gegenübersteht, halte ich eine psychische Stabilität und Erfahrungen mit inneren Prozessen, z. B. durch Meditation, für wichtig.

In der psychischen Entleerungs-Phase können auch seelisch-emotionale Verletzungen (Traumata) freigesetzt werden. Damit diese erkannt, geheilt und gesund integriert werden können, ist meines Erachtens im Dunkelretreat eine professionelle Unterstützung durch Menschen, die sowohl Erfahrungen im tiefenpsychologisch-integrativen als auch im transpersonalen Bereich haben und selbst bereits über Erfahrungen in Langzeit-Dunkelretreats verfügen und innere Schritte auf dem Weg des spirituellen Erwachens gegangen sind, hilfreich und ratsam.

Die Gelegenheit, einmal am Tag für ca. eine Stunde (und bei notwendigem Bedarf auch mehr) mit einem erfahrenen Begleiter über das Erlebte reflektieren zu können, ermöglicht, die Erfahrungen einordnen und seelisch-emotionale Verletzungen erkennen, heilen und gesund integrieren zu können. Persönlich empfand ich die Gespräche über die in meinen drei Dunkelretreats aufgetauchten Inhalte (z. B. Träume, Erkenntnisse, Kindheitserfahrungen, transpersonale Erlebnisse) als sehr wertvoll und mich in meinen inneren Prozessen stabilisierend, rückversichernd und weiterführend-erkennend. Manchmal wirkten sie wie frische Luft; in anderen Momenten wie ein Anstoß, die Inhalte aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Die Autorin, Dipl.-Vet.-Med. Saskia John, ist Autorin und Heilpraktikerin in Teltow mit Schwerpunkt: Traum-, Trauma- und Integrationsarbeit, Begleitung in Krisen. Neben Aufstellungen, Arbeit mit dem Inneren Kind, Hypnose, TimeWaver Med, Heilfasten, Meditation und Tai Chi begleitet sie auch Dunkelretreats in der eigenen Praxis.

Saskia John hat u.a. das Buch „Grenzerfahrung Dunkelretreat“ geschrieben. Auf ihrem youTube-Kanal gibt es vertiefende Informationen zu dem Thema.

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