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Artikel Bewusstsein

Wie geht Glück? Advaita und unser Wahn vom Glücklichsein

Der Wunsch, glücklich zu sein, ist der Kern aller menschlichen Wünsche. Für dieses ersehnte tiefe Glück existieren viele Bezeichnungen. Mancher mag es inneren Frieden oder echte Erfüllung nennen, andere sprechen von Wahrheit, Freiheit oder Einssein. In einem spirituellen Kontext wird es vielleicht als Sehnsucht nach Einheit mit Gott oder als Wunsch nach Erleuchtung zum Ausdruck gebracht. Wie auch immer die Bezeichnungen dafür ausfallen, wir suchen nach etwas, das verlässlicher ist als die übliche Achterbahn von Begeisterung und Enttäuschung, Vergnügen und Frustration.

Die Sehnsucht nach wahrhaftigem Glück spüren die wenigsten Menschen unmittelbar als ein inneres Brennen oder Verlangen ihrer Seele. Vielmehr verknüpfen wir diese Sehnsucht ungeheuer schnell mit ganz konkreten Vorstellungen und Erwartungen.

Wir haben feste Überzeugungen davon, wie das Leben und die Welt aussehen müssten, damit wir dauerhaftes Glück erfahren können.

Solche Überzeugungen melden sich als schlichte Gedanken: »Um glücklich zu sein, brauche ich genügend Geld und Freiraum.« »Wenn mein Ehepartner sich ändern würde … «. »Wenn ich mehr Anerkennung bekäme, wäre ich zufrieden.« Derartige Überzeugungen haben eine starke Kraft. Häufig sind wir uns ihrer nicht einmal bewusst, sondern erleben sie als unterschwellige, scheinbar unumstößliche Grundüberzeugungen.

Einige dieser Grundsätze sind biologisch verankert und sind entstanden, um unser Überleben zu sichern. Andere haben wir von unseren Eltern übernommen, oder wir haben sie uns in der Auseinandersetzung mit Schule, Medien oder weiteren prägenden Instanzen angeeignet. Eines aber ist allen gemeinsam: Es sind Glaubensmuster darüber, welche Dinge, Situationen und Erfahrungen zu Glück führen.

Diese Überzeugungen binden das Erleben wirklicher Erfüllung an Objekte, seien sie materiell oder aus dem inneren Erleben, und sie geben damit vor, dass Glück bedingt sei. Die Suggestivkraft dieser Glücksvorstellungen ist überaus machtvoll. Vergleichbar einem geschickten Hypnotiseur, der seine Klienten in einen schlaf-ähnlichen Zustand versetzt, indem er unentwegt wiederholt: »Du bist jetzt ganz müde und fühlst dich schwer, ganz schwer.« So reden uns unsere Erwartungen ein, dass wir zu unserem Glück etwas bräuchten. Der Schlaf, in den uns diese Suggestionen versetzen, ist allerdings keineswegs erholsam. Im Gegenteil, es ist ein unruhiger, rastloser Schlaf. Die Schwere, die wir spüren, ist nicht die angenehme Schwere der Entspannung, sondern die Last unerfüllter Sehnsüchte und unerreichbarer Ziele.

Unser Verstand gibt sich als selbstloser Heiler aus. Er verspricht uns Gesundheit und Glück. Doch in Wirklichkeit ist er ein Stümper. Seine jämmerliche Hypnose versetzt uns in eine Trance der Unzufriedenheit.

Wir erleben keinen seligen Schlummer, sondern einen schlechten Traum. Die meisten von uns befinden sich mitten in diesem Alptraum – ohne zu ahnen, dass es tatsächlich nur ein Traum ist. Doch wie sähe es aus, wenn wir aus dem Traum aufwachen würden? Es gibt Menschen, denen dieses Aufwachen geschah. Sri Ramana Maharshi erkannte: »Glückseligkeit ist die Natur des Menschen.« Buddha entdeckte, dass das »Ende allen Leidens« möglich ist. Jesus sprach davon, dass das »Himmelreich inwendig in uns ist«.

Das sind erwachte Perspektiven. Alle Glaubensmuster, die uns etwas anderes weismachen wollen, verdunkeln in Wirklichkeit die Wachheit, die wir bereits jetzt sind. Sie verdecken den natürlichen Frieden und verhindern die Entdeckung der Freiheit unseres wirklichen Seins. Die Trance und Verdunklung ist nichts, was uns von außen übergestülpt wird. Bei unserem Meisterhypnotiseur handelt es sich weder um einen anderen Menschen noch um eine fremde, bedrohliche Macht. Es ist unser eigener Verstand, der uns in einen leidvollen Dämmerzustand der Unzufriedenheit versetzt. Es sind die Gedanken in unserem Kopf, die wir uns in einer Art Autosuggestion so lange selbst wiederholen, bis wir sie für wahr halten.

Um aufzuwachen, müssen wir uns der Tatsache stellen: Unsere eigenen Gedanken sind der Schmied unseres Unglücks. Wahres Glück ist schon hier.

Um es lebendig zu erfahren, ist es hilfreich zu durchschauen, was uns unser Hypnotiseur Dr. Wunsch anderes einzureden versucht: Was glauben wir zu brauchen, um glücklich sein? Sicherheit, Gesundheit, eine harmonische Beziehung, eine besondere Stellung in der Gesellschaft oder bestimmte sexuelle Erfahrungen. Solange wir glauben, für unser Glück müssten Bedingungen erfüllt werden, leben wir in einem Gefängnis aus Gedanken. Eine Möglichkeit der Befreiung besteht darin, die Gitterstäbe – unsere Gedanken – gründlich zu untersuchen. Und je genauer wir sie erforschen, desto deutlicher werden wir sehen: Sie sind bloße Fiktion, eingebildete Hirngespinste. Sie haben absolut keine Substanz. Ja, sie existieren nicht einmal! Wenn wir das erkennen, lösen sich sämtliche Mauern unseres Gefängnisses von alleine auf und wir stellen fest, dass wir schon immer frei waren.

Biologisch geprägte Wünsche: Selbsterhaltung, Sexuelle Fortpflanzung, soziale Anerkennung

Lassen Sie uns die Beschaffenheit des Gitters betrachten: Einige seiner Bestandteile entstammen einer uralten evolutionären Prägung. Sie dienen dem Überleben und der Fortpflanzung des Individuums und der Gattung. Dem Erhalt und der Vervielfältigung der Genmuster unseres Körpers. Die Prägung der Selbsterhaltung zeigt sich beispielsweise in reflexhaftem Handeln: Unser Körper möchte sich schützen und springt beiseite, wenn ein Auto heranbraust. Das Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit für unseren Körper ist ein natürlicher biologischer Instinkt. Daran ist nichts verkehrt.

Doch unser Verstand verknüpft den Drang zur Selbsterhaltung mit unserem Idealbild von Glück: »Wenn ich ein großes Haus hätte oder in jener Gegend wohnen könnte, wäre ich zufrieden.« »Wenn ich genug Geld hätte, könnte ich sicher leben.« »Wenn ich nur gesund wäre, ginge es mir gut.« Solche Gedanken sind uns allen bekannt. Die Wunschvorstellungen, die aus dem Antrieb der Selbsterhaltung erwachsen, suggerieren uns, ein Leben in materieller Sicherheit und mit physischem Wohlbefinden sei der Schlüssel zum Glück. Wir glauben vielleicht, es handele sich hierbei um selbstverständliche und unabdingbare Wünsche. Aber in Wahrheit werden Erfüllung und Glück damit an die biologischen Zielstellungen des Körpers gekoppelt. Und das verführt uns dazu, an bedingtes Glück zu glauben.

Es gibt wunderbare Gegenbeispiele. Vielleicht haben wir solche Menschen sogar selbst persönlich kennen gelernt. Sie sind nicht reich und vielleicht nicht einmal gesund. Und doch strahlen sie eine Zufriedenheit und Seelenruhe aus, die manchem wohl situierten und kerngesunden Menschen fehlt. Wie ist das möglich?

Weil es einen tieferen Frieden in uns gibt, der vollkommen unabhängig vom Zustand unseres Körpers ist. Es ist der Frieden des Seins.

Neben den Wünschen nach Selbsterhaltung gibt es jene, die mit Selbstbehauptung und Status innerhalb eines sozialen Gefüges zu tun haben. Vielleicht suchen wir Sicherheit und Anerkennung durch einen gehobenen Platz in der Gesellschaft. Die soziale Zugehörigkeit scheint uns Erfüllung zu verheißen: »Hätte ich einen angesehenen Beruf, die Anerkennung der Kollegen, den passenden Partner und eine Familie – dann könnte ich endlich glücklich sein.« Auch diese und ähnliche Ideen haben wir bislang vielleicht für unsere ureigenen persönlichen Wünsche gehalten. In Wahrheit sind auch sie biologisch geprägt. Ein vorteilhafter Platz innerhalb der Gruppe sichert beziehungsweise erleichtert das Überleben und die Fortpflanzung. Und auch hier kommt erneut die konditionierte Koppelung zum Tragen: Soziale Zugehörigkeit wird mit Glück gleichgesetzt. Wenn wir dem nachspüren, merken wir schnell, wie einengend solche Glaubensmuster sein können. Wir begeben uns durch sie in die Abhängigkeit von der Zuwendung und Anerkennung anderer. Wir machen uns zu Sklaven gesellschaftlicher Normvorstellungen. Das hat wenig mit einem Leben in authentischer Freiheit zu tun.

Eine dritte Kategorie von Wünschen, die ihre Herkunft in den Mechanismen der Evolution haben, sind sexuelle Wünsche. Ihre Funktion ist es, die Weitergabe der eigenen Gene zu sichern. Doch unsere Gedanken machen auch daraus die Vision vom großen Glück. »Wenn ich die Partnerin hätte, die sexuell zu mir passt, wenn ich eine funktionierende Familie hätte, wenn ich meine erotischen Fantasien endlich ausleben könnte – dann wäre ich glücklich.« Solche Sehnsüchte kennen wir sicherlich alle.

Wieder macht uns ein biologischer Impuls glauben, es müssten bestimmte Bedingungen gegeben sein, um tief greifendes Glück und echte Befriedigung zu erfahren. Sexualität zu leben und Kinder zu haben können wunderbare Erfahrungen sein. Doch vermutlich haben wir auch alle die Frustration und den enormen inneren Druck erfahren, die Glückserwartungen in diesen Lebensbereichen mit sich bringen können. Kurz:

Sowohl Wünsche im Bereich der Selbsterhaltung, der sozialen Zugehörigkeit als auch der Sexualität spiegeln uns vor, Glück sei an diese biologisch geprägten Ziele gebunden.

Doch ist das wirklich wahr? Hat uns die Jagd danach wirklich zu tief greifender Erfüllung und zum Glück geführt? Oder handelt es sich nicht vielmehr um eine Straße ohne Ende? Ich behaupte: Die Versprechen dieser Glückskonzepte sind eine große Täuschung. Wir irren uns zutiefst, wenn wir an bedingtes Glück glauben. Wir brauchen keine Bedingungen und Voraussetzungen. Im Gegenteil: Unser Warten und Sehnen hält uns in einem quälenden Schmachten gefangen und verhindert das Erleben des wahrhaftigen Glücks in diesem Moment.

Wir alle haben schon lebendige Erfahrungen von Erfüllung gemacht, die frei von Bedingungen ist. Jeder Mensch erlebt solche Momente in seinem Leben: Ein kurzes Aufwachen aus der üblichen Trance der Wünsche, ein Moment natürlichen Friedens, eine kurze Entspannung vom Suchen, ein Augenblick der inneren Stille, in dem eine mysteriöse Schönheit aufscheint. Dies kommt einem kurzen Augenaufschlag des Hypnotisierten auf der Couch gleich. Doch meist geschieht dies unbewusst. Die Wirkung der Hypnose ist damit nicht aufgehoben. So bleiben die verdeckenden Konzepte für die meisten Menschen ein großes und hartnäckiges Hindernis. Die tief eingeprägten Glaubensmuster fallen erst dann von uns ab, wenn wir sie vollständig durchschauen.

Die Gesamtheit der täuschenden Glaubensmuster über bedingtes Glück können wir »konditionierten Geist« nennen. Der »konditionierte Geist«, das sind all jene Glaubensmuster, die wir im Laufe unseres Lebens verinnerlicht haben – von unserer Familie beeinflusst, unseren Freunden und Vorbildern, von der Gesellschaft, ihren zeitgemäßen Wertvorstellungen und ihren Medien, von der Religion und ihren Erlösungsvorstellungen. Was wir uns davon angeeignet haben, halten wir zunächst für unsere höchst persönlichen Überzeugungen. Aber nichts davon ist persönlich. Es sind die Einflüsse der kollektiven, täuschenden Konditionierung, die in jedem menschlichen Wesen ihre Kraft ausüben. An sich ist nichts an ihnen auszusetzen. Sie sind Teil der menschlichen Kultur. Doch wenn wir darüber einschlafen und nicht merken, dass es sich lediglich um übernommene Vorstellungen handelt, dann halten wir diese Ideen und Bilder für die Wirklichkeit. Vor allem empfinden wir das uns daraus vermittelte Bild von uns selbst als real. Wir fühlen uns dann als ein Einzelwesen, getrennt von Erfüllung und abgeschnitten von Glückseligkeit. Für diese schlechte Trance zahlen wir einen hohen Preis: Wir werden blind für die Schönheit dieses Augenblicks, taub für den Klang der Stille hier und jetzt und gefühllos für den seligen Frieden unseres wahren Seins.

Unsere Wünsche an den Körper: Ewige Gesundheit und Schönheit

Wir können noch mehr über die Kraft der konditionierten Ich-Ideen herausfinden. Sie beziehen sich nämlich nicht nur auf äußere Situationen und Lebensumstände, sondern wirken sich auch auf Erwartungen aus, die wir an unser inneres Erleben stellen. Wir werden uns die Wünsche anschauen, die mit unserem Körper, unserer Gefühlswelt und schließlich unserem Intellekt zu tun haben.

Wie müsste Ihr Körper aussehen, damit Sie glücklich wären? Wie sollte er sich anfühlen? Wenn wir ehrlich sind, tauchen schnell einige Verbesserungswünsche auf: Unser Körper könnte etwas besser in Form sein, etwas schlanker, muskulöser, das Haar voller, die Nase gerader… Unser Körper sollte sich gesund anfühlen und keine Schmerzen haben, keine Verspannungen oder Verschleißerscheinungen. Er könnte auch leistungsfähiger sein, sportlicher, kraftvoller, energiegeladen und nicht müde oder erschöpft. Er sollte sich zugleich beweglich, leicht und stark anfühlen – und das am besten rund um die Uhr. Vermittels solcher Ideen verknüpfen wir unser Glück mit einem in die Zukunft projizierten Idealzustand unseres Körpers. Wir hoffen, wenn er nur gesund, vital und entspannt genug wäre, nicht beeinträchtigt durch Anspannung oder Schmerz, dann wäre das Leben leichter.

Unser Geist verspricht uns, Gesundheit und körperliches Wohlbefinden wären die Basis für echtes Glück. Der Jugendwahn und die hochschießende Wellness-Welt sind ein Ausdruck dieser Glaubensmuster. Auch wenn wir es an dieser Stelle vielleicht noch anzweifeln mögen, doch Gesundheit hat mit echtem Glück nichts zu tun. Es gibt eine Ebene vollkommenen Heilseins in uns, für die es bedeutungslos ist, in welchen Zustand sich unser Körper befindet oder wie er sich anfühlt.

Unsere Wünsche an die Gefühle: Immer gut drauf sein

Meist meinen wir, dass Glück irgendwie ein gutes Gefühl wäre. Oder zumindest, dass unser Glück davon abhängig wäre, wie wir uns fühlen. Das klingt durchaus plausibel, aber es stimmt nicht. Vermutlich wünschen wir uns, dass unsere Gefühle immer leichter und heiterer Natur sind. Zumindest sollen sie angenehm sein. Wir meinen, wenn unsere Stimmung möglichst positiv sei, wären wir glücklich. Wut, Ärger, Verletzung, Trauer, Angst und Verzweiflung sollen lieber außen vor bleiben.

Diese Gedanken kommen im Gewand der Wahrheit daher. Doch tatsächlich sind sie nur ein Ausdruck jener kraftvollen unbewussten Glaubensmuster, die uns in einen leidvollen Zustand führen. Warum und wie gelingt ihnen das? Weil sie das Glück einzig an angenehme Erfahrungen koppeln und mit diesen Glücksvorstellungen eine aufreibende Jagd nach positiven Gefühlen eröffnen. Negative Gefühle werden abgelehnt. Das ist eine alte und sehr machtvolle Konditionierung. Wir streben Erfahrungen wie Freude, Heiterkeit, Liebe an und wollen sie festhalten. Unangenehme Gefühle wie Angst, Wut, Scham oder Hoffnungslosigkeit versuchen wir zu meiden. Wir sind überzeugt, dass Letztere für das Erleben von Erfüllung und Glück hinderlich sind.

Dieses Spiel von Jagd und Flucht ist uns so selbstverständlich geworden, dass wir vollkommen aus den Augen verloren haben, wie einseitig und begrenzt unser Verstand sich das Glück der Gefühle ausmalt. Der Buddhismus kennt dafür drastische Begriffe. Das unablässige Streben nach positiven Erfahrungen wird »Gier«, das Ablehnen von negativen Empfindungen wird »Hass« genannt (womit nicht die Emotion des Hasses gemeint ist, sondern der Widerstand gegenüber unerwünschten Gefühlen). Und die buddhistische Lehre besagt, dass es gerade diese Tendenzen unseres Geistes sind, die unser Leid erzeugen.

Auf den ersten Blick mag das nicht einleuchten. Das eine haben zu wollen und das andere abzulehnen scheint das Natürlichste der Welt zu sein. Doch wir übersehen, dass die Welt der Gefühle immer in dualistischen Gegensätzen auftaucht. Leicht ist nicht ohne schwer denkbar, Kraft nicht ohne Schwäche, Angenehmes nicht ohne Unangenehmes zu finden. Das eine ganz zu haben und vom anderen dauerhaft frei zu sein, ist unmöglich. Die scheinbar so erstrebenswerte Gefühlsmedaille hat immer zwei Seiten.

Das einseitige Vermehren des Positiven und die totale Verbannung des Negativen können nicht funktionieren. Und das muss es auch nicht. Denn das Glück, von dem wir hier reden, die natürliche Erfüllung des Seins, ist kein Gefühl. Es ist der stille Bewusstseinsraum, in dem Gefühle auftauchen, vorüberziehen und wieder verschwinden. In diesem Raum treten sowohl positive, neutrale als auch negative Stimmungen auf. Doch der Raum selbst bleibt von diesen Schwankungen unberührt.

Solange wir allerdings, den konditionierten Glaubensmustern folgen, verbissen das Lichte einfangen wollen und gegen das Dunkle ankämpfen, sind wir vollkommen auf die Objekte innerhalb des Raumes fokussiert. Wir spüren die allen Gefühlsbewegungen zugrunde liegende reglose Weite nicht mehr.

Unsere Wünsche an den Verstand: Rationale Allwissenheit

»Ich weiß, dass ich nichts weiß«, ist ein berühmter Satz des griechischen Philosophen Sokrates. Dies scheint auf den ersten Blick eine merkwürdige Aussage. Denn in der Regel möchten wir alles Mögliche über den Verstand begreifen. Zumindest wollen wir herausfinden, wie die Unwägbarkeiten unseres Lebens so effektiv wie möglich unter Kontrolle zu bringen sind. Doch dieser Satz des Sokrates weist auf eine überraschende Perspektive hin: Weisheit hat nichts mit dem Sammeln von Kenntnissen und Wissen zu tun. Weisheit zeigt sich in einer Offenheit des Geistes, die sich der Begrenztheit des Verstandeswissens bewusst ist. Sie offenbart sich in der Hingabe an das Nicht-Wissen des gewöhnlichen Denkens, das postuliert, unsere persönlichen Meinungen und Kenntnisse wären die höchste Wahrheit.

Umfassende Kenntnisse, das Wissen um Gesetzmäßigkeiten oder das richtige theoretische Verständnis von Sachverhalten scheinen uns Sicherheit zu verheißen. Am liebsten wäre uns Allwissenheit. Damit, so glauben wir, könnten wir all jene Lebenssituationen bewältigen, die uns verunsichern und die wir als bedrohlich empfinden.

Für technische Fähigkeiten mag der Verstand ein brillantes Instrument darstellen. Und auch wissenschaftliche Forschung ist ohne intellektuelles Verständnis nicht möglich. Uns geht es hier allerdings um jenes Bestreben des Verstandes, das durch rationale Kontrolle innere Erfüllung erreichen möchte. Doch so wird es nie funktionieren. Unser Verstand ist zu beschränkt, um den freien Strom des Lebens vorauszuberechnen. Und so können wir die Unsicherheit des Nicht- oder Nicht-genug-Wissens niemals aus unserem Leben verbannen. Die gute Nachricht lautet: Wir sind auch gar nicht auf umfangreiches Wissen oder konzeptionelles Verstehen der Welt angewiesen. Wenn wir erkennen, dass alles intellektuelle Verstehen-Wollen immer unzureichend bleibt, kann sich unser Wunsch nach rationaler Kontrolle entspannen.

Wenn der Zwang von uns abfällt, ständig für die Geschehnisse unseres eigenen Lebens und der Welt eine erklärende Theorie parat haben zu müssen, wird unser Geist von ganz alleine still. So still, dass eine tiefere Intelligenz durchscheinen kann. Es ist die Intelligenz des reglosen Gewahrseins. Eine gedankenfreie, allumfassende Geistesklarheit, die zugleich höchste Weisheit verkörpert. Sie kann den Verstand als Instrument nutzen, ohne von ihm beherrscht zu werden. Es ist diese tiefe Ruhe und Gelassenheit eines stillen Geistes, die wir in Wirklichkeit suchen. Sie ist schon jetzt hier. Wir erkennen sie, wenn wir bereit sind, uns auf das Nicht-Wissen einzulassen.

Glückskonzepte – der verborgene Antrieb von Fantasie und Handlung

Unabhängig davon, welche Vorstellungen wir von Glück haben, wir glauben, dass es von gewissen Bedingungen abhängig ist. Von äußeren Umständen oder inneren Erfahrungen. Die Glückskonzepte binden Erfüllung somit an das Vorhandensein von Objekten. Die Objekte gelten als Ursache. Das Erleben von Glück scheint dann ihre Wirkung zu sein. Diese Dynamik können wir als den Glauben an objektgebundenes Glück bezeichnen.

Doch dieser Glaube ist nichts anderes als ein gewaltiger Mythos. Die Suche nach solcher Art Glück ist vergeblich. Sie gleicht dem Versuch, uns einen Ausschnitt des Himmels aneignen und ihn kontrollieren zu wollen. Es ist, als würden wir mit beiden Händen einen Kreis formen und durch diesen Kreis hindurch in den Himmel über uns schauen. Das ist nun unser kleiner Himmel. Vielleicht ist er gerade schön blau und klar. Wunderbar! Zur vollkommenen Idylle fehlt nur noch ein zartes Wölkchen. „Wenn so eine kleine weiße Wolke in meinem Himmelsabschnitt wäre, das wäre perfekt.« Wir suchen uns eine solche Wolke daraufhin in anderen Bereichen des Firmamentes außerhalb unseres kleinen Himmels. Und tatsächlich, wir entdecken eine am Horizont – und nun versuchen wir, sie mit magischer Geisteskraft in unseren Himmelsabschnitt zu bewegen.

Manchmal scheint uns das sogar zu gelingen, und prompt definieren wir das Ganze als Erfolg, den wir natürlich unseren aktiven Bemühungen zuschreiben. In Wirklichkeit ist das Ergebnis nur dem Zufall beziehungsweise dem Wind zu verdanken. Treibt stattdessen eine dunkle Wolke in unseren Himmelsausschnitt, versuchen wir verzweifelt, den unerwünschten Störfaktor zu entfernen. Auch das gelingt nur dann, wenn uns der Zufall in Gestalt des Windes zu Hilfe kommt. Wie sehr wir uns auch anstrengen mögen: Der Himmel lässt sich nicht beeinflussen. Die Wolken folgen ihren eigenen Bahnen. Jeder Versuch, unseren persönlichen Himmel zu kontrollieren, ist ein sinnloses Unterfangen, das früher oder später in Frustration mündet.

In dieser Metapher ist das vollkommen offensichtlich. Doch auch in unserem persönlichen Leben bemühen wir uns auf diese Weise vergeblich um unser Glück, indem wir es an bestimmten Objekten festmachen und versuchen, das Auftauchen oder Verschwinden dieser Objekte zu kontrollieren. Das eine Gefühl wollen wir haben, das andere nicht. Ein schöner Gedanke erscheint wertvoll, ein negativer dagegen sollte besser verschwinden. Wir strengen uns an, mühen uns ab, sträuben uns und kämpfen.

Wir sind einer Art unbewusstem primitiven Aberglauben verfallen, der uns vormacht, bestimmte Objekte hätten die besondere Macht, uns Glück herbeizuzaubern, und andere würden Unglück verheißen – nach dem Motto: »Mit der Feder eines Adlers könnte ich fliegen, aber der Anblick einer Schlange wird mich töten.« So praktizieren wir einen magischen Kult des Herbeizauberns und Verbannens. Uns entgeht dabei vollkommen, dass es sich bei den Objekten nur um Gedanken und innere Bilder handelt und dass diese keineswegs das halten, was wir uns von ihnen versprechen, oder uns das antun, was wir befürchten. Doch die Macht dieser Vorstellungen ist groß. Immer wieder schweift unsere Sehnsucht ab in jene Gefilde, in denen wir das Glück zu finden meinen.

Wir versetzen uns selbst in eine Trance, indem wir wieder und wieder unsere Glücksfantasien im Geist durchspielen, bis sie unsere innere Welt vollständig dominieren. Und genau das ist der Grund, weshalb sie einen solch mächtigen und zwingenden Einfluss auf unsere Entscheidungen und Handlungen, ja, auf die grundlegende Ausrichtung unseres Lebens ausüben.

Warum glauben wir, uns einen bestimmten Lebensstandard leisten zu müssen? Warum geben wir uns solche Mühe, anziehend oder interessant auf andere zu wirken? Weshalb ist uns das Bild einer harmonischen Familie so wichtig? Warum sind wir so darauf bedacht, guter Laune zu sein? Weshalb ist es uns so wichtig, auf keinen Fall dumm dazustehen, sondern möglichst souverän und geistreich zu wirken?

Motor all dieser Verhaltensmuster sind diese unbewussten Glücksvorstellungen. Wir beschäftigen uns tagtäglich damit. Unzählige Gedankenkreise drehen sich um dieses Thema. Sie sind unsere ständigen Begleiter. Regelmäßig hegen und pflegen wir so die Trance und verlieren uns in endlosen Fantasien über unser zukünftiges Glück. Und unser gesamtes Verhalten ist darauf ausgerichtet, sie in die Wirklichkeit umzusetzen. Doch halten sie ihre Versprechungen? Oder stellen sie nicht vielmehr ein inneres Sprechen dar, das aus lauter Versprechern besteht?

Dieser Text stammt aus dem Buch „Besser als Glück – Wege zu einem erfüllten Leben“ von Torsten Brügge, 2012 Ideen Verlag. Das Kapitel Schmied unseres Unglücks wurde leicht gekürzt – mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Der Autor, Torsten Brügge, ist Heilpraktiker, Shiatsu-Therapeut und seit ca. 20 Jahren spiritueller Lehrer und Begleiter im Überschneidungsbereich von Psychotherapie und spiritueller Selbsterkenntnis. Er wohnt mit seiner Partnerin, Padma,  in Hamburg, wo beide regelmäßig Satsang halten.
Torsten ist auch Autor zahlreicher Zeitschriften-Artikel und als Online-Autor und Blogger tätig, zum Beispiel als Gastautor auf Hinter-den-Schlagzeiten, dem Kultur- und Polit-Magazin von Konstantin Wecker.
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